Leseprobe aus “Schau zurück in Liebe”
29. Dezember 2011
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Wir waren nicht schmutzig,
Denn wir wollten rein sein,
Rein sein und unschuldig,
Nicht schuldig, wie unsere Väter,
Verfault, wie unsere Mütter,
Heuchlerisch, wie unsere Priester,
Strahlend wollten wir
In den Morgen des Wunderbaren gehen,
Liebend und voller Hoffnung,
Im weißen Land des Inneren
Den Gral zu entdecken, das Herz
Des Heiligen, das Wort, das befreit,
Gott,
Wir waren nicht schmutzig,
Auch wenn unsere Kleider aus Brokat
Ungewaschen, die langen Haare
Ungeföhnt, uns kam es nicht auf
Die Schönheit der Körper allein an,
What’s the ugliness
Of your body,
I think it’s your mind,
Sang Frank Zappa und wir spielten Freak Out!,
Höher als die Sterne
Wollten wir fliegen,
Tiefer als die Meere
Wollten wir tauchen,
We want to show the world what it means
To love,
Jubelten die Jefferson Airplane,
Und so zogen wir aus
Mit Om-Fahnen aus Katmandu
Und den farbigen Blättern aus San Francisco,
Um neu zu werden, bunt und frisch
Wie eine ungeahnt herrliche Zukunft,
Was hatten wir entdeckt?
Dass der Weg nach innen
Berauschender ist als jeder Feldzug,
Um Reiche aus Gold zu erobern?
Unsere Stadt aus Gold
Lag abseits der Autobahnen,
Über die wir rasten,
Unermüdlich, in der fünften Dimension,
Abseits der gepflasterten
Bürgersteige, über die wir schritten
Mit dem Joint im Mund,
Dem Sakrament, das wir uns erwählten,
Weil wir nichts besseres kannten,
Weil wir nicht wussten,
Wie schöner werden
Als der Diamant der Suche
Nach dem alles offenbarenden Geheimnis,
Das wir waren,
Wir ganz allein,
Was kümmerten uns Börsenkurse,
Geld spielt keine Rolle
War die Losung, die ich ausgab,
Und die Anthem of the sun
Der Grateful Dead unser nationaler Gesang,
Auf, auf, die Pforten der Wahrnehmung
Zu stürmen, einzubrechen in die
Dunkelheit des Unterbewusstseins,
Tower opens fire sangen die Fugs,
Break through in grey room
Rief Burroughs,
Hier und jetzt zu sein, auf ewig on the road,
Unterwegs zu Stränden
Der hübschen Mädchen mit ihren Perlenkränzen,
Der unbekümmerten Jungs mit ihren Stirnbändern,
Jeder ein Schamane,
Jeder ein Künder froher Botschaft,
Es gibt ein Leben,
Das nicht verschimmelt,
Es gibt Liebe in all der Grausamkeit
Der Kriege und Schlachten um Schätze und Macht,
Wir sind es, vor denen uns
Unsere Eltern gewarnt haben,
Riefen wir auf Demonstrationen,
War es nicht ein Wellenflug der Erkenntnis,
Durch die Sphären zu streifen,
Good Vibrations von den Beach Boys um uns,
In uns und um uns herum,
Can’t buy me love von den Beatles,
Turn your love light on von den Dead,
Who do you love mit den Quicksilver Messenger
Service singend,
Ja, wen liebten wir?
Die Welt und Gott,
Oder Gott und die Welt?
Was wussten wir
Von Gott? Was wussten wir von der Welt?
Bruchstücke sammelnd an den Lagerfeuern,
In Abbruchhäusern, auf Mondscheinparties,
Umwoben von Magiern,
Zermürbt von Polizei,
Von Paranoia heimgesucht,
Dem Kiffen vertrauend,
Immer auf dem Trip,
Ja, auf dem Trip, freigiebig zu sein
Und alle umarmend
[...]
Leseprobe aus “Kaleidoskopidschi”
3. November 2011
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Auszug aus Peter Frömmigs Textbeitrag:
FREUNDSCHAFT UND AUSTAUSCH
LANGER JAHRE MIT HADAYATULLAH
Ein Freund zu sein erfordert viel,
Man selbst ist Start, er ist das Ziel, [...]
Ein Freund zu sein, heißt sei die Brücken,
Die über Fehler führn und Lücken.
H.H.
Wie es begonnen hat, kann ich nicht mehr genau sagen. Aber es muss mit dem Gedichtband eines Paul Gerhard Hübsch zu tun gehabt haben, „mach was du willst” war sein Titel. Auf der Rückseite des blutroten Umschlags ist ein Langhaariger mit Bart abgebildet, verschwommen im Hintergrund ein Mädchen und die Mütze eines halb angeschnittenen Polizisten. Ich stellte mir vor, dass hier einer durch die Staatsgewalt abgeführt wird.
Es war 1969, ich lebte damals in Salzburg. Der Titel „mach was du willst” sprang mir aus allen Auslagen der Buchhandlungen entgegen. Und als ich mit einem gleichaltrigen, gleichjungen Freund zum Rundfunk ging, um in der Literaturabteilung wieder einmal Bücher zur Rezension abzuholen, lag „mach was du willst” obenauf. Aber nicht ich erhielt diesen Band aus den Händen des Redaktionsleiters, sondern mein Begleiter, den ich als Rezensenten empfahl. Mir kamen nur ein paar Romane zu, die mich kaum interessierten. Der Freund, der aus Kärnten stammte, studierte, schrieb Gedichte und trug immer einen echten Geierknochen aus dem Gebirge, wie er behauptete, sowie eine Maultrommel am Lederbändchen um den Hals. Er hat nie ein Buch rezensiert, und als ich mir „mach was du willst” von ihm ausleihen wollte, konnte er das Büchlein nicht mehr finden.
Ich kam irgendwie mit dem Autor schriftlich in Kontakt und rasch entwickelte sich ein reger Briefwechsel, eine Brieffreundschaft. Die Mitteilungen von Hübsch waren vorbehaltslos und anregend, so dass sich immer gleich die Lust einstellte, zu antworten. Es lagen bunte Grafiken zwischen den Seiten und manchmal schickte er die kunstvoll gestaltete, von ihm selbst herausgegebene Literaturzeitschrift „törn” mit. Alle Briefe, die ich von dem Freund über die Jahrzehnte aus Frankfurt erhielt, auch während meiner Amerikazeit, besitze ich noch komplett. In einem der verschrammten Koffer, die in einem Speicherwinkel stehen, sind sie aufbewahrt. Darunter gewiss auch der, in dem er mir von seiner Konvertierung zum Islam berichtete und seinen neuen Namen bekannt gab: Hadayatullah.
[...]
Textbeitrag von Manfred Steinbrenner
Yellow Sunshine
(eine einstmals bekannte LSD-Marke)
Hab’ Blätter silbern gesehen
Decke des Zimmers als Tropfen auf Köpfe.
Bin geflogen, dritter Stock, viermannhoch
Howl singend, Kaddish für die Taube,
ihre Mörder im Wind.
Hab’ Vogelbeeren als Springflut der Stadt,
Antennen am Kreuz, mich selbst
zerplatzen sehen: schlingernde Wehen,
verhängt und verkannt als
Abbild der Brut voller Ekel.
Bin gerädert im Sumpf, Incence-Unschuld
beim Orgasmus gelandet,
uhrenverwerflich als Brücken
vom Jenseits zum Jetzt
Waren gelbrotgold Strahlen
aus Hirnen voll Einfalt, gottvollem Wunsch.
Bin gewandert
die Zeit statt der Himmel,
Drohung statt Versprechen,
Wasser statt Luft.
Hab’ gerochen Begierde am Schaltweg des Einen,
zweierlei Maß in der Tundra des Lichts.
Bin gekrochen in Flüssen, Algen im Tagtraum,
Anker im Trocknen und am Ende war:
nichts.
[ebenfalls erschienen in: Manfred Steinbrenner, "Vom Weißmachen des Umsonsten", Norderstedt 2010, S. 48]
Textbeitrag von Monika Carbe
der zehnte derwisch spricht
wanderer kommst du nach ankara
verkündige dorten
DUR!
halt inne
hier liegen wir.
wie ihr es befahlt.
DUR! DURUN!
bleib, halt an,
bleibt stehn!
çanakkale, gallipoli,
und die schlacht bei vermondovillers
oder –
war krieg kein krieg in ancak cove,
war krieg kein krieg in gallipoli,
war – leider – krieg
in
şanlı-urfa, erbil,
überall,
auch in arkadien –
war krieg.
DUR! STOPPP …
kriege verwirbeln die zeiten,
auch in unseren breiten.
kämpfe verzwirbeln das du, das wir
zu einem riesenpanzertier.
kriegskind ich – und
knapp ein kriegskind du –
ein wunder, dass wir leben!
wir leben und zaubern und bleiben,
wir lesen und denken und schreiben
- für wen?
Leseprobe aus “Exzess All Areas”
21. Oktober 2011
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„Komm, Alter, du hast heute genug Fußvolk gesehen. Lass uns mal in den VIP-Bereich gehen. Du musst unbedingt ein paar von meinen Freunden kennenlernen…“, erlöste mich nun Sascha von meinem Mindfuck. Ich folgte ihm durch die tanzenden Menschen bis zu einer Tür, hinter der sich ein weiterer, ziemlich großer Raum befand.
„Willkommen auf Ibiza, Konny, jetzt lernst du endlich mal die Szene kennen! Hier sind alle wichtigen Leute, verstehsde. Hol mal deine Kamera raus, jetzt gleich bekommst du Promis ohne Ende vor die Linse.“
Verwirrt zog ich meinen Fotoapparat hervor. Das ist also die Creme von Ibiza? Na ja… Enttäuscht schaute ich mich um: Ich sah einige Männer in meinem Alter, die um eine Tischtennisplatte herumstanden, außerdem einen Haufen junger, schöner Mädchen, die gelangweilt in einer Sofaecke rumlümmelten.
Die Luft war geschwängert von Cannabis-Geruch, und auf allen freien Flächen standen leere Gläser und Flaschen herum. Wenigstens konnte man hier rauchen… Gierig steckte ich mir eine Kippe an…
„Hey, Konny, das hier ist DJ Pepe, ein alter Kumpel von mir. Sag schön Bon Jovi zu Pepe!“
„Sascha, komm mal rüber“, rief nun Rebecca.
Jetzt bleib dran, Konstantin. Integrier dich! Mit gesenktem Blick trottete ich hinter Sascha her. Schließlich wollte ich ja an meiner Ausstrahlung arbeiten…
„Hier ist dein Schedule für die Woche. Ich hab einige wichtige Termine für dich ausgehandelt, also reiß dich ein bisschen zusammen, ja? Denk immer daran: Dienst ist Dienst…“
„…und Schnaps ist Schnaps… Schon klar, Rebecca. Hier, Konny, steck mal den Schedule ein, sonst verlier ich den noch. Du kannst ja schon mal draufgucken. Für dein Timing ist das bestimmt auch nicht ganz uninteressant.“
Sascha hielt mir einen Ausdruck auf dem Geschäftspapier seines Managements hin. Leicht ärgerlich nahm ich ihm das Blatt aus den Händen, faltete den Schedule sorgfältig zusammen und legte ihn grummelnd in mein Notizbuch… Was glaubt der eigentlich? Ich bin doch nicht seine Sekretärin… Die hielten mich hier offensichtlich alle für einen totalen Vollidioten, einen Schergen, der die Rolle des persönlichen Assistenten übernahm…
Inzwischen war Sascha bei der Tischtennisplatte angekommen, wo er sein altbekanntes High-Five-Ritual abspulte. Oh Mann, die Typen hatten offensichtlich zu viele Hip-Hop-Videos gesehen… Langsam trollte ich mich ebenfalls Richtung Tischtennisplatte. Mal sehen, ob ich vielleicht wenigstens ein paar interessante Fotos machen konnte…
„Wie sieht’s aus mit einer Partie Nasenrundlauf, Muchachos?“, fragte Sascha gerade in die Runde.
Nasenrundlauf? Wovon zum Teufel redete er denn jetzt schon wieder? Ich war jedoch offensichtlich der einzige, der nicht zu wissen schien, worum es ging, denn die anderen Typen, anscheinend handelte es sich neben DJ Pepe noch um zwei weitere DJs, waren sofort Feuer und Flamme. Das schien ja lustig zu werden… Gespannt schaute ich durch den Sucher meiner Kamera…
Was jetzt kam, übertraf alle meine Erwartungen um Längen. Zunächst zückte einer der DJs sein Glasfläschchen und streute je einen Haufen Kokain auf beide Seiten des Netzes. Sascha hackte fein säuberlich das Pulver und legte unzählige kleine Linien, neben denen er einen Tischtennisschläger platzierte. Dann ging es auch schon los: Derjenige, der am Schlag war, zog schnell eine Nase von dem Koks, nahm dann den Schläger in die Hand und schlug den Ball, ließ den Schläger schnell wieder auf die Platte fallen, lief auf die andere Seite und wartete, bis er erneut an der Reihe war. Dabei lachten die Jungs derart, dass sie zwischendurch ein paar Mal hinfielen und kaum wieder aufstehen konnten… Ohne Worte! Das war wirklich ein Haufen Verrückter. Ich fiel in ihr Lachen ein und machte einige Fotos von dieser äußerst skurrilen Partie Tischtennis, nahm mir allerdings fest vor, Stromberg diese Fotos nicht zu zeigen. Mein Chef musste schließlich nicht alles wissen…
[Seiten 131-132]
*****
„Oi, Mates!! Hört mal auf, hier rumzuknutschen. Wir sind nicht zum Fummeln hier, sondern zum Pokern“, sagte nun Terry und begann, eine Art Spieltisch aufzubauen. Stimmt, das Pokerspiel… Ich lachte laut auf… Mal sehen, ob ich das jetzt überhaupt noch auf die Reihe bekomme…
„Spielen wir um Geld?“, fiel mir besorgt ein. Die würden mich doch nicht erst mal außer Gefecht setzen und mich dann hoffnungslos abziehen…
„Klar, Mate. Aber nur kleine Einsätze, keine Sorge. Ich hab nen Riesenhaufen Zehn- und Zwanzig-Cent-Stücke hier rumfliegen. Du kannst also wechseln. Keine Sorge.“
Terry holte eine große Dose mit Kleingeld unter dem Bett hervor und stellte sie auf den Tisch. Ich begann, in meiner Hosentasche nach Geld zu kramen. Noch 50 Euro… Die würden als Einsatz wohl reichen… Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, Konstantin. Vertrau auf deine Fähigkeiten. Jenny und Sascha ziehst du garantiert ab, und was mit Terry ist, werden wir dann sehen… Außerdem war mein Verstand gerade kristallklar…
„Ey, Leute, ich hab gar kein Geld dabei… Ich will aber auch mitspielen“, nörgelte nun Jenny.
„Tja, wie machen wir das bloß? Ich hätte eine Idee“, grölte Terry in die Runde und zwinkerte mir unauffällig zu. „Wie wäre es, wenn wir dir deine Klamotten abkaufen, Jenny? Ich kann die Heizung aufdrehen, dann musst du auch nicht frieren…“
Sascha fiel in sein Gelächter ein und kreischte hysterisch: „Genauso machen wir es! Bist du dabei, Jenny??“
„Warum nicht, ihr Hackfressen? Dann holt mal die Scheinchen raus und sagt, was ihr mir geben wollt“, lachte Jenny und begann, sich auszuziehen.
Was ging denn hier ab? Die würde doch jetzt nicht auch noch einen Strip abziehen? Hier werden aber alle Register gezogen… Verstohlen grinsend blickte ich in Jennys Richtung, neugierig, was als nächstes passieren würde… Tatsächlich, die macht Ernst… Jenny begann, ihren Körper zu einer imaginären Musik zu wiegen und entkleidete sich langsam. Sie zog ihr knappes Kleidchen aus, unter dem sie nur noch einen klitzekleinen Tanga trug. Kurze Zeit später stand sie splitterfasernackt vor uns und blickte uns herausfordernd an.
„Oi, Jenny. Da wirfst du aber nicht gerade viel in den Pot“, sagte Terry. „Ich biete dir 10 Euro für deinen Fummel.“
„10 Euro? Bist du geizig oder was ist los, Macker??!“, rief Jenny lachend. „Das Kleid war teuer!! Wirf ruhig noch eine Schippe drauf!“
„Ich beteilige mich und lege noch mal einen Zehner dazu“, sagte ich plötzlich mutig.
Was ist denn mit dir los, Konstantin? Mein Herz schlug mir bis zum Hals… Der Hammer, wie enthemmend dieses Kokain wirkte, aber ich war offensichtlich ganz mühelos dazu in der Lage, meine feministischen Prägungen über Bord zu werfen… Sie wollte sich ausziehen? Bitteschön… Mann, war das cool, mit den Jungs rumzuhängen und auch mal ein bisschen den Asi rauszukehren… Ich fühlte mich total frei… Außerdem war Jenny wirklich schön anzusehen, wie sie da so nackt vor uns stand. Das war mir locker 10 Euro wert.
„Aha, der Abaza ist also auch mit einem Zehner dabei. Okay, Jungs. Ich mach euch ein Supersonderangebot und schlag ein“, sagte Jenny grinsend und nahm unser Geld in Empfang. Wow, Wahnsinn, wie selbstbewusst die ist… Die hat wirklich überhaupt kein Problem damit, nackt vor uns rumzulaufen… Nicht schlecht…
„Und was ist mit dir Sascha?? Schau mal, was ich hier noch habe…“, rief Jenny und hielt ihm herausfordernd ihren Tanga vor die Nase.
„Tja, jetzt bin ich wohl an der Reihe, in die Tasche zu greifen, Süße. Den will ich mir nicht entgehen lassen!!!“, schrie nun Sascha und kramte in der Hosentasche seines Anzugs nach Geld. „Mensch, scheiße, ich hab nur noch n Fuffi. Machen wir Halbe-Halbe, Jenny? Sonst kann ich ja nicht mehr mitpokern…“, sagte Sascha und schaute Jenny tief in die Augen.
„Okay, Alter, aber nur, weil du es bist. Außerdem hab ich dann 45 Euro, damit mach ich euch so was von fertig, ihr Nullen!“, entgegnete sie zwinkend und warf Sascha ihren Slip in den Schoß.
„Oi, Mates! Jetzt rauchen wir noch ein schnelles Blechchen, und dann geht’s los!“, schrie Terry und reichte mir einen gerollten Schein und ein Stückchen Alufolie mit Kokain herüber. Ob ich wirklich noch mal mitrauchen sollte? Nicht, dass ich mich noch überdosieren würde… Ich horchte tief in mich hinein… Natürlich war ich noch breit vom ersten Blow, aber die Wirkung war inzwischen schon wieder ein bisschen abgeflaut…
Okay, einmal bin ich noch dabei… Ich nahm den Schein und zog den Rauch tief in meine Lungen… Ich musste husten… Bah, das schmeckte komisch… Irgendwie wie verbranntes Plastik… Kaum hatte ich wieder ausgeatmet, hörte ich mein Hirn auch schon klingeln… Hammer!! Das Zeug verlieh einem wirklich Flügel… Binnen weniger Millisekunden bemerkte ich, wie es in meinen Ohren erneut zu rauschen begann… Ich hatte das Gefühl, als würde mir gleich die Schädeldecke wegfliegen… Jesus, Maria und Josef… Das knallte vielleicht… Ich blickte zu Jenny herüber… Wow, hat die geile Titten… Uups… Was war das denn??? Verdammt, jetzt bekam ich auch noch einen Ständer… Kein Wunder… Mein Körper und mein Geist spielten komplett verrückt… Das war wirklich ein Teufelszeug… Hallelujah!!
„Ey, Abaza! Du siehst aus, als würden dir gleich die Augen ausfallen… Was ist los?? Willst du mal meine Titten anfassen?“, ertappte mich Jenny in diesem Moment.
Sie kam zu mir herüber und streckte mir ihre Brüste derart provokativ entgegen, dass ich fast mit meiner Nase zwischen ihnen versunken wäre… Ey!! Was geht denn hier ab??
„Nein… ich meine… also… Hehe…“
Mir blieb nichts anderes übrig, als dämlich aus der Wäsche zu gucken und zu lachen… Natürlich würde ich NICHT ihre Titten angrapschen, aber gucken durfte man doch wohl mal…
„Gucken darf man doch wohl mal, oder? Du hältst mir doch deine Möpse die ganze Zeit unter die Nase.“
„Oi, Mate!! Recht hast du! Ein Wunder, dass wir Jenny nicht schon längst vergewaltigt haben!“, stimmte mir Terry nun zu. „Aber jetzt ist Schluss mit dem Geplänkel, ihr Vollidioten. Jetzt wird gepokert!!“
Terrys Machtwort wirkte Wunder, denn sofort setzten sich alle Beteiligten an den Tisch und warteten auf ihre Karten. Dabei schien sich jedoch keiner so recht konzentrieren zu können, denn alle plapperten und lachten wild durcheinander.
„Kennt jeder die Regeln, Mates?“, fragte Terry.
Ich nickte, Jenny kicherte blöd und Sascha zuckte mit den Achseln.
„Ist doch egal, Terry. Ich glaube, wir haben alle schon mal irgendwann gepokert. Haut schon hin!“
„Oi, Mates. Also, erste Runde, Family-Runde! Der Flop liegt!“
Aha, Terry war offensichtlich ein Vollprofi. Ich legte meinen Mindesteinsatz von 50 Cent in den Pot und betrachtete noch mal genau meine Karten. Da lagen ein Bube, eine Dame und eine Pik-Acht im Flop, auf der Hand hatte ich ebenfalls eine Dame und einen Buben. Bingo!!! Pokerface, Alter! Ich hatte zwei Pärchen! Gar nicht mal so schlecht für die erste Runde… Ich erhöhte den Einsatz und versuchte, möglichst neutral dreinzublicken… Das war gar nicht so einfach, denn das gottverdammte Koks zog mir die ganze Zeit die Mundwinkel in die Höhe… Das ging aber auch meinen Spielpartnern nicht anders, und schon bald brachen wir alle in kollektives Gelächter aus. Der einzige, der zu ein bisschen mehr Ernsthaftigkeit aufrief, war Terry.
„Oi, oi!!! Leute, konzentriert euch! Ich gehe mit Konny mit und erhöhe um 2 Euro! Los, Jenny. Willst du folden oder gehst du auch mit?“
Jenny glotzte blöd in ihre Karten, zuckte die Achseln und warf einen Zwanziger in den Pot.
„Klar, ich erhöhe!!!“
„Oi, Jenny! Bist du doof??? Du kannst doch jetzt noch nicht erhöhen! Willst du nicht erst mal abwarten, bis die neuen Karten ausgeteilt sind?“, schnauzte Terry sie an.
„Nein, Alter. Lass mich mal so spielen, wie ich will!!“, rief Jenny.
„Ich bin raus!“, schrie Sascha und schmiss seine Karten auf den Tisch. Terry und ich blickten uns über den Tisch an. Ich bemerkte, wie er mir dabei leicht zuzwinkerte. Ohne Zweifel, er dachte wie ich, dass Jenny sich gerade um Kopf und Kragen spielte. Also gingen wir mit. Karo-Vier, Kreuz-Zwei, wir checkten durch. Terry hatte ebenfalls zwei Paare, zwei Buben und zwei Zehnen. Strike!!! Da war ich besser. Jennys Blatt hingegen war ein purer Bluff. Sie hatte lediglich zwei Neunen auf der Hand.
„German Virgin!!“, krakelte Terry nun lachend. „Die erhöht den Pot um 20 Euro und hat nur zwei lächerliche Neunen auf der Hand!!“
„German Virgin??“, fragte ich ihn. „Versteh ich nicht…“
„Na, wie macht eine deutsche Jungfrau?? NINE NINE!!!“, grölte er und schlug mir dabei auf den Schenkel…
Ich fiel in sein Lachen ein… Verdammt, diese Engländer… Während Terry und ich uns die Bäuche vor Lachen hielten, wirkte Jenny ein wenig angekratzt…
„Oh Mann, ihr habt mich beschissen! Jetzt will ich sofort noch ein Blech rauchen, sonst bin ich raus!!“
Das ließ Terry sich nicht zwei Mal sagen und präparierte eine neue Runde Blows. Als ich an die Reihe kam, winkte ich ab… Man muss es ja nicht übertreiben… Die anderen akzeptierten das glücklicherweise ohne Widerworte, und wir spielten eine weitere Runde Poker.
Ich weiß nicht, ob es an meinen durch das Kokain geschärften Sinnen lag oder ob ich einfach nur gut drauf war, aber meine Glückssträhne hielt an. Die folgenden drei Spiele gewann ich mühelos und strich dazu noch jedes Mal einen akzeptablen Pot ein. Terry war mir allerdings hart auf den Fersen. Der Typ spielte ziemlich gut, und ich hatte es lediglich meinem Kartenglück zu verdanken, dass ich als Sieger aus den Partien hervorging. Sascha wirkte alles in allem ein wenig lustlos und pokerte ohne jedes Risiko – langweilig… Sobald Terry oder ich seinen Big Blind raisten, war er raus und streckte die Karten. Jenny hingegen ging offensichtlich voll in der Rolle der „Profispielerin“ auf. Schon nach dem ersten Spiel fragte sie lauthals nach einer Zigarre, die Terry natürlich in Sekundenschnelle aus seiner obskuren Drogenkiste herzauberte. Daraufhin steckte sie sich eine Riesen-Cohiba an und monologisierte offenherzig über ihren letzten Pornodreh.
[...]
Leider vergaß sie über all das Gegackere immer mehr, sich auf das Spiel zu konzentrieren und war schon nach der vierten Runde pleite.
„Oi, Gorgeous! Tut mir echt leid für dich, aber du bist raus. Du hast auch nichts mehr am Leib, was man versilbern könnte. Also halt die Klappe und mach ein hübsches Gesicht“, proklamierte Terry und präparierte eine neue Runde Freebase.
[Seiten 278-282]
Leseprobe aus “beatmanna”
18. Juni 2011
Das Ende der Literatur
(in memoriam Neal Cassady)
Natürlich kann ich mir vorstellen, jetzt,
Nach Mitternacht am Schreibtisch,
Während betrunkene Beats aus den schwarzen Boxen rollen,
Ich säße auf der Autobahn, ich meine,
Ich bin da und der Asphalt fliegt unter mir weg
Wie ein Pfannkuchen, du weißt schon,
An den runden Enden wird er immer dünner wie ein thin
Man auf dem big table,
Also, ich sitze da wie in einem schäbigen Chevrolet,
Mit offenem Hemd, irgendwie spielt der
Fahrtwind mit und mit meinen Haaren,
Und keiner, der sagt, du mußt mal wieder zum Friseur,
Ich meine, im Gegensatz dazu könnte ich auch
In einem Wald umherstreifen, in einem
Stillen Wald und Silence is golden singen oder poetry
To protect me vor mir in einen holzhaltigen
Notizblock schreiben, mit einem dieser
Kleinen Bleistifte, die bei Ikea rumliegen,
For the whole world des Konsums,
Ich meine, ich könnte mir eine Zigarette anstecken am
Schienenstrang und versuchen, den Weg zu finden,
Den Neal nicht gefunden hat,
Lag da irgendwann irgendwie und war gestorben vor
Seiner Zeit, ich meine, im Bus mit der
Suppenterrine voller LSD-Punsch, da sah die Erde
Noch neonbunt&kund aus und Pfadfinder
Stiegen ein&aus und malten sich die Gesichter mit den
Farben an, die der Sonnenuntergang des Abendlands ausspie,
Und er war dabei, ja, wie auf einem dieser
Festivals, wo die haarigen, kleinen Kinder rumlaufen,
Weil sie nicht einverstanden sind mit der
Wallstreet und dem Kuckucksnest in dem
Vorgarten ihrer Vorväter, turn your loved ones on,
Schreiben sie auf Plakate mit hageren Gesichtern und Gesten
Wie von Übergestern als wären sie in einem
Geklauten Oldsmobile unterwegs nach Denver oder Chicago,
Und der Würfel rotiert in ihrer Blutbahn,
Und sie klettern die Fassaden hoch,
Um verirrte Blumen zu begießen,
Die ganze Zeit über die Sehn-
Sucht im Ohr, daß jemand ihren Namen ruft,
Horse without name / the desert is no game / and I would
Not feel so all alone, bis das Geschrei aus den
Nebenstraßen quillt wie ein nebeliger Pop-Song aus einer
Radiohitparade, die du auf einer endlos gradgezogenen
Landstraße, mit miles to nowhere vor dir und
Einer Erinnerung an teures Parfüm hinter dir,
Aus dem Äther holst, und
Du schnüffelst, ist das das, was du wolltest?
Müde geworden wie von zuvielen Gigs mit zu wenig Money?
Ausgelaugt von den brutalen Sonnen auf den Einmann-Banditen-
Apparaten der letzten verwegenen Spielhöllen
Des UNtoten-Landes?
Schweinige Nackenfratzen in Alpträumen,
Oh Gott, wie auch immer,
Es kommt noch schlimmer, unkst du, um dem Schicksal der
Roten Laterne zu entgehen auf den Blue Highways,
Auf denen die Spielleute tanzen und die Wahrsager rotieren,
Wenn der Grizzly herantappst und um Erdnüsse buhlt,
Ja, so verrottet & verlogen, so uneinsichtig
Wie eine schusselige Butterblume,
Die im Rinnstein ihr Domizil aufgeschlagen hat,
So schleppst du dich durch die Geschichte,
Blasse Briefe in der Brusttasche,
Eine zerknitterte Packung Camel in der Hose,
Das Gesicht adlerscharf,
Die Augen zugekniffen, wie ein dickes, altes Buch, in dem
Ein abgebranntes Streichholz für einen winzigen Spalt
Freiluft sorgt, ach, und du willst nicht vergeben
Den Kerlen, die dir das wenige gegeben haben,
Das dir keiner nehmen kann,
Weil du es nicht selbst geschafft hast?
Ich bin noch nicht zu Ende,
An diesem großen Schreibtisch inmitten der Wüste Nevadas,
Wo sie Neal gefunden haben, ausgemergelt,
Ohne die letzte Ration Wasser aus der Feldflasche getrunken
Zu haben wie jemand, der meint, sparen zu müssen
Für eine Zeit am Lagerfeuer,
An dem tote Spaziergänger Rast machen,
Hey, Coyote,
Hey, Möndchen,
Hey, Wendigo, Dingo, Silberpferd singend,
Sich dabei seltsam bewegend,
Und die flames got higher,
Und die Sturmwolken brausen wie Wildgänse durch die Nacht,
Und die Teufel sind los,
Und du hockst in einem schrottreifen Cadillac,
Den du einem Junkie abgekauft hast,
Und das Country-Radio spielt die Batterie leer,
Und du mußt kotzen,
Aber weißt nicht wohin mit dem Schmodder,
Alles muß raus,
Last Exit Sale,
Stand auf dem verblichenen Plakat an irgendeiner Bretterbude,
Die dir in deinen unwirtlichen Träumen in den Kopf kam,
Wo hast du sie zuletzt gesehen?
Immer noch der Blues um eine verstrichene Liebe?
Immer noch der Versuch, den Boden unter den Füßen zu verlieren,
Der mit den Glassplittern ungezählter Whiskey-Flaschen besäte,
Der mit den vielen Tickets ausfransender Konzerte in
Irgendwelchen verrauchten Existenzialistenbars,
Wohin dich eine blonde Mähne gezogen hat,
Gestern wars / bleicher Rauch stieg aus den roten Bars,
Haben sie gegröhlt,
Als sie zum Grab schlenderten,
Mit gezogenen Hüten,
Mit stierer Miene,
Mit einem Gefühl, als hätten sie eine Band in den Adern,
Mit schlechtem Gewissen, weil es in den Fingern zuckt,
Und im Vorderhirn der Wunsch nach einem heißen
Becher Kaffee und einer Chesterfield ohne Filter,
Und wälzten den Stein.
Leseprobe aus “status geändert”
14. Dezember 2010
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KURZER PROZESS frei nach Kafkas „Der Prozeß“
+++ eins vorneweg: / das gesetz sucht nicht etwa die schuld / sondern wird
von den schuldigen angezogen / & da es von den schuldigen angezogen wird
/ ist die schuld niemals beim gesetz zu suchen +++
// die sache war eigentlich klar: / jemand musste joseph k. verleumdet
haben / denn eines morgens taten sich ihm unvermittelt / unbekannte
tiefen auf / die ihn in ein labyrinth zogen / dessen gestalt von tag zu tag /
wucherte & ihm stäbe setzte / wo keine stäbe waren //
++ damit das klar bleibt: / er ist ja vorerst nur verhaftet / weiter nichts
/ keine große sache & über laufende verfahren / wird sich grundsätzlich
nicht geäußert +++
// doch jetzt gab es unsichtbare wächter / wände aus gelächter & ein vorwurf
/ der nirgendwo zu fassen war / der vorwurf aber war noch da / er
war ganz nah & schob sich / unmerklich nun immer näher / bis er joseph k.
im nacken saß //
// dort sitzt der vorwurf gut / & wandelt sich in schuld / ganz langsam
zwar / doch wandelt sich mit viel geduld / & sorgt dafür dass niemand /
nach beweisen für ihn fragt / er sorgt dafür dass jeder nur noch / nach
beweisen für die unschuld fragt //
// bald wusste jeder wie es um ihn stand / bald wusste man so allerhand
/ von verfehlungen auch noch so kleiner art / bald wusste jeder eine
eigenart an joseph k. / die ihn in frage kommen ließ / für jede ungeheure
tat / bald wusste joseph k. / selbst nicht mehr so genau / wer er denn
eigentlich noch war //
STATUS GEÄNDERT
morgens nach dem aufstehen brauch ich immer // etwas zeit für mich –
aber nicht im badezimmer // nein – ich log mich ein, check mein profil
// meinen status – wie geht es mir? // ich muss wirklich jeden morgen //
noch mal eben schnell –: na du kennst das wahrscheinlich // wir sind ja
freunde jetzt: du und ich // und deine freundin, wir sind alle miteinander
vernetzt // wer kennt wen die welt ist ein dorf // das ist wie aus dem
fenster schauen
hallo! du wurdest gegruschelt!
du hast drei neue nachrichten
acht deiner freunde haben sich heute schon in der Nase gepopelt!
ja nee, echt??? na dann mal schnell was
auf die pinnwand tippen:
copy, paste & ab dafür
copy, paste & ab dafür
copy, paste & ab dafür
copy, paste & ab dafür
hey, was ist das denn? meine passion: prokrastination
das ist ja ne geile gruppe! – das gefühl kenn ich, aber TOTAL. da muss
ich unbedingt rein!
du bist bereits in zu vielen gruppen mitglied! – was bin ich? – du bist
bereits in zu vielen gruppen mitglied!
Ihr könnt mich mal! Ich trete aus! Und sowieso, ständig wird man hier
abgelenkt!
PROFIL: DEAKTIVIERT! — Ihre Daten bleiben gespeichert für den Fall, dass
Sie ihr altes Profil später wieder herstellen möchten.
Buschfunk-Sprecher:
Einen wunderschönen guten Morgen an alle geltungssüchtigen Selbstdarsteller
da draußen, hier ist wie immer euer Buschfunk mit den neuesten
Nachrichten aus allen Ecken des World Wide Web. Wie die Stimmung in der
westlichen Hemisphäre ist, erfahrt ihr bei uns. Wir haben die neuesten
Statusberichte für euch: Community Neeeeeeeewsflash!
Meldung 1: Hab mir gerade etwas Schorf abgekratzt.
Meldung 2: Wann krieg ich endlich diese verdammte hausarbeit fertig?
Leute! Aber die Party gestern war echt geilo! Coole Party, Thorsten!
Meldung 3: Scheisse ey. Mind. 8 leute grad gelöscht u 2 fremde hinzugefügt
weil das iphone total kacke ist! Sry people mag euch trotzdem
Meldung 4: juhuuuu neue haare!!!
Meldung 5: Mir reichts für heut, ich geh schaukeln….
bin in die wirklichkeit transferiert // sonne auf der haut und wind im haar
// hier draußen sind profile anders codiert // ich chatte mit neu geaddeten
freunden // smalltalk hier, smalltalk bla // ob ich im netzwerk bin, fragen
sie // hat mich angekotzt, sage ich // hat mich genervt // hab jetzt meine
eigene realität // we stay in contact anyway // na klar, sagen sie – see ya,
have fun // — und wieder daheim herrscht datenstille // nur das knistern
in der plattenrille /kenne sollten das unbedingt erfahren!
Just subscribe and stay in contact with your friends!
bin wie neugeboren wieder da // neues profil neues leben neue freunde //
endlich nimmt man mich wieder wahr // kann sich jemand noch dran
erinnern // an die zeit vor dem großen netzwerk? // vor der digitalen
evolution? // jetzt bin ich könig // hier kann ich’s sein // hab alles unter
kontrolle // das netzwerk auch // speichert alles – weiß alles – hebt alle
grenzen auf // aber auch ich heb mich auf // ich existiere 2mal 3mal 4mal
// lebe mein leben im plural – verabschiede mich von jeder virtualität //
das mit der pluralen identität // ist mein realer lebensentwurf
Buschfunk-Sprecher:
Das wars vom Buschfunk für heute! Schaltet auch morgen wieder ein, wenn
eure Daten-Sicherheit am Hindukusch verteidigt wird…und vergesst nicht:
wenn ihr es nicht postet, ist es nicht passiert.
Leseprobe aus “Kreisklassenhölle”
13. Dezember 2010
Leseproben Hinterlasse einen Kommentar
Kapitel 1
Im Zeitraffer mit Hubert Wulff
Nein, ich möchte hier nicht mein komplettes Leben nacherzählen;
es wäre zu mühsam und uninteressant. Wie ich bereits
erwähnte, verlief ein Großteil davon relativ normal, und
was sollen sentimentale Reflexionen über meine Schulzeit beispielsweise
aussagen? In der Grundschule erbauliche Lieder
singen oder mit dicken Wachsmalstiften konzentrische Kreise
auf kratziges graues Recyclingpapier kritzeln, solche Erinnerungen
erfüllen manche Erwachsenen mit behaglicher Melancholie,
aber an einem solchen Zustand habe ich keinerlei
Interesse. Dazu habe ich als schmächtiger Spätzünder von zu
vielen verfrüht sackhaartragenden Sportskanonen zu oft absichtlich
zu viele Fußbälle an den Kopf geschossen bekommen,
als daß es ein lustiges Osterhasenbasteln aus buntem
Tonpapier gäbe, das diese Schmach jemals wieder ausbügeln könnte.
Und mein Leben außerhalb der Schule? Natürlich könnte
ich näher auf die Sonntage eingehen, an denen ich in Begleitung
meines Vaters alle zwei Wochen auf den Dorfsportplatz
trottete, um das jammervolle Rumpelgekicke unserer
Gurkentruppe in der Kreisklasse gegen irgendwelche Kombattanten
aus noch öderen Kaffs hinter den sieben Bergen bei
den sieben Zwergen zu schildern. Da stand ich also nun auf
der Geraden, den vergeblichen Versuchen meines Vaters zu
meiner Identitätsstiftung relativ hilflos ausgeliefert, den Blick
starr geradeaus, und trug ein Eis am Stiel oder eine Flasche
Limo wie ein Zepter, als Insignien eines Reiches, das mir damals
schon absonderlich fremd erschien, während mein großer
dicker Stammesfürst Papa Wumba Papa Tumba mit
atavistischer Kraft in unregelmäßigen Abständen ein »Gerald!
«, »Volker, nach rechts!« oder »Michel, abgeben!« über
den holprigen Rasen hinwegröhrte. Doch auch dies würde
meine eigentliche Intention noch nicht einmal peripher streifen.
Denn das war lediglich relativ harmlos hirnlähmende
Langeweile, aber der richtige Schmerz ließ noch ein paar
Jahre auf sich warten: beispielsweise wegen der Akne, die
mein ganzes Gesicht in eine topographische Landkarte verwandelte,
gehänselt zu werden und zwanzig Körbe von Mädchen
heimzubringen, bis sich endlich eins erbarmte. Es waren
Momente unbeschreiblicher Erniedrigung. Dennoch bleibt das
Ganze im Endeffekt völlig uninteressant. Zwar erfüllen mich
diese beschaulichen Schnappschüsse aus der Blüte meines Lebens
vereinzelt immer noch mit Zorn und gelegentlicher
Rachsucht, doch haben sie letzten Endes nichts damit zu tun,
was ich eigentlich sagen will. Es wäre zu beliebig. Zuviele kennen
diese Geschichten und haben sie größtenteils unbeschadet
überstanden, ansonsten sind sie tot oder in psychotherapeutischer Behandlung.
Darum weigere ich mich auch, um wieder zum Ausgangspunkt
zurückzukehren, meiner verdammten Schulzeit mehr
Aufmerksamkeit zu widmen, als sie es verdient. Denn im Endeffekt
war sie nur ein erbärmliches Furunkel am Hintern der
eigentlichen Magna Mater, des Kaffs, des gottverdammten
Kaffs. Ich behalte mir deshalb vor,mich auf für meine heutige
Entwicklung relevante Ereignisse zu beschränken, um den sicherlich
unzureichenden Versuch zu wagen, dadurch die Seele
des Dorfes offenzulegen. Daraus werde ich dann Schritt für
Schritt die für mich endgültigen Schlußfolgerungen ableiten.
Um damit aber überhaupt einmal anzufangen, fehlt noch
jemand. Laßt uns nun also den heimlichen Hauptdarsteller
unserer lustigen Geschichte begrüßen, denkt euch jetzt einen
Tusch für den Capo di tutti capi:
Hubert Wulff.
Sein und mein Leben waren auf gewisse Art undWeise miteinander
verknüpft, das wurde mir rückblickend klar, und
das, obwohl ich seine Bedeutung hierfür jahrelang völlig
falsch eingeschätzt hatte. Doch dann kam der Augenblick, in
dem sich unsere Wege endgültig kreuzten und der uns zusammenführte,
ironischerweise an jenem kalten Januartag,
an dem er sich zum letzten Mal im Dorf zeigte.
Damals, es war ein knappes halbes Jahr vor dem Ende meiner
Ausbildung zum Altenpfleger, wohnte ich noch bei meinen
Eltern, bevor ich im Sommer des gleichen Jahres im Dorf
eine Zweizimmerwohnung bezog.
»Sieh mal an, der alte Wulff ist auch wieder unterwegs«,
sagte mein Vater, sich von seinem Nachmittagskaffee am Küchentisch
erhebend, mit Blick aus dem Fenster.
Auch ich sah hinaus. Hubert Wulff auf seinem täglichen
Spaziergang, schon seit Jahren um die gleiche Uhrzeit, und
immer dieselbe Strecke. Der König besichtigte sein Reich.
Doch an diesem Tag war irgendwas anders. Seit meiner frühesten
Kindheit hatte ich den alten Bastard fast täglich hier
entlanglaufen sehen; doch an diesem trüben Nachmittag
übte der Anblick eine seltsame Faszination auf mich aus, und
seine Präsenz erschien mir übermächtig. Vielleicht spürte ich
auch bereits instinktiv, daß dies sein letzter öffentlicher Auftritt sein würde.
Leseprobe aus “Marock’n’Roll”
13. Dezember 2010
Leseproben Hinterlasse einen Kommentar
Im Frühjahr 1969 fuhren meine Freundin Heidi und
ich nach Marrakesch. Ich hatte meine psychische
Gesundheit durch zu viel LSD ziemlich ruiniert
und hoffte, in Marokko Frieden zu finden und mich
zu regenerieren. Von dieser Reise handeln diese
Gedichte. Inspiriert wurden sie durch Florian
Vetsch und seine Frau Bouchra, die aus Marokko
stammt. Ihre Liebe zu Tanger eint uns.
Frankfurt, Frühling 2010
Offenbarung
Die fetten Schlangen drangen aus mir,
Wanden sich um mich, feist, böse,
„Keine Angst mehr“, rief ich und zog
Mir das Hemd aus, aber den Schlangen
Machte das nichts aus, sie wucherten
Weiter, ich rief erneut etwas, vielleicht
„Keine Verzweiflung mehr“, oder so,
Es nutzte nichts, ich zog mir die Hose
Aus, Heidi starrte geradeaus, der
Trip, den ich am Morgen in Chechaouen
Geschmissen hatte, wurde immer stärker,
Bis ich es nicht mehr aushielt,
„Halt das Auto an“, schrie ich, Heidi
Fuhr stur geradeaus, „Halt an!“, brüllte
Ich, und dann gab sie nach, vielleicht
Hatte ich ins Lenkrad gegriffen,
Ich riss den Wagenschlag auf, riss mir
Die letzten Fetzen Stoff vom Leib,
Nur das Rosenkreuz, die Kette mit dem
Bild des Gekreuzigten, behielt ich an,
Und dann rannte ich davon,
Hinein in die Steppe, egal wohin,
Nur weg, nur weg, irgendwann drehte
Ich mich um, als Heidi in der Ferne schrie,
„Ich liebe Dich“, und dann kam eine
Kraft über mich, ich fand mich wie fest-
Gewurzelt, mein Kopf wand sich, bis
Ich in den strahlend, friedlich blauen
Himmel schaute, und plötzlich brachen
Aus meinem Herzen Worte, ein Gebet:
„Oh Allah, bitte reinige mich!“,
Rief ich in den Himmel, und siehe, ich
Wurde besänftigt, eine Ruhe kam über
Mich, jenseits eines Hügels erklang
Eine Flötenstimme, und ich trottete den
Langen Weg zurück zum Opel Blitz,
Und Heidi ließ den Wagen an, ich zog
Mir meine Kleider wieder über,
Und wortlos fuhren wir nach Marrakesch.
Die andere Seite
Ich hatte mir den Körper mit
Acid vollgepumpt, den Kopf
Zugekifft, bis die Gedanken schief
Gingen, und nun hockte ich in
Einer spinnverwebten Ecke meines
Schädels und wusste nicht mehr
Aus noch ein, nur,
Dass ich auf die andere Seite
Kommen müsste, was immer sie sei,
Das war mir klar, während die
Sonne auf das Auto prallte und
Uns die Zunge zu verdorren drohte,
Schließlich hielt Heidi den
Wagen an, war da nicht so etwas
Wie Meer in der Gegend? Sie
Zog sich den Badeanzug an, ließ
Mich in meiner Verworrenheit
Zurück, und ich starrte auf die
Gesteinsbrocken am Straßenrand,
Bis sie erfrischt zurückkehrte,
Schau, sagte ich, auf einem
Stein stehend, vor mir eine Kuhle,
Dahinter ein anderer Stein,
Und ich tat so, als würde ich
Springen, zauderte, zögerte,
Die andere Seite war so fern,
Das schaffst du nie, sagte Heidi
Nüchtern, ich resignierte, nun
Hatte ich endgültig verloren,
Und ich trabte zu unserem
Opel Blitz, trostlos, trostlos.
Der Gipfel
Die tägliche Wanderung aus der Talsenke
Zum Gipfel, gradlinig wie eine Zeder,
Oder verschlungen wie eine Weinranke ist der Weg,
Qualvoll oder erholsam die Rast,
Oh Stolpern, das mich zurechtweist,
Oh Müdigkeit, die vor Überheblichkeit schützt,
Oh Lust, im Inneren unter der Spitze zu stehen,
Und sich vor dem Abstieg nicht zu fürchten,
Oh Ärger, wenn du ins Abseits gerätst,
Oder mogelst und so tust,
Als würdest du steigen,
Während du in Zweifel verharrst,
Wen willst oder kannst du betrügen?
Und das sehnsuchtsvolle Erwarten des nächsten Kusses,
Bewundernd den Krokus, den Hibiskus, das Couscous
Mit dem zarten Hammelfleisch, den Rosinen und
Mandelsplittern, daneben die warmen Tomatenscheiben,
Wir gürten uns, ziehen die Schuhe wieder an,
Ist da nicht ein Schimmer des Mondes in den Sonnen-
Strahlen, und in unseren Augen nicht ein
Sandkorn, das zur Perle reifen lässt?
Wie schön, rotes Wachs zu sein
In deiner Hand,
Wie sanft dein Haar,
Wenn ich mich krümme,
Um die spitzen Steine aus dem Weg zu räumen,
Du, barfuß und durch den Vorhang der Tränen schauend,
Ach, nicht Falke sein, nicht Phoenix,
Nicht Taube, nicht Rotkehlchen,
Nur Ohr, das das Echo in sich aufnimmt,
Das deine Sadschda in der Wüste auslöste.
Leseprobe aus “Taschentiger”
18. August 2009
Leseproben Hinterlasse einen Kommentar
lange wege (holger sasum)
lange wege
sind immer etwas spaet
wenn alles normal laeuft
dann kommen sie wenigstens an
doch wenn du extra viel glueck hast
dann kommst du noch weiter
es ist gegen 2 am morgen an einem bahnhof im industriegebiet
du gehst mit 3 taschen
und einem extra seltsamen gefuehl
als waeren sie mit gold gefuellt
ueber eine 4 spurige strasse
auf der dich die fahrplaene verscheissern
manche sachen machst du nur mit geld
das du an der falschen stelle sparst
das beruhigt dich
im letzten licht im bahnhof
bist du reich und aengstlich und geizig
beschattet von schweren augen
ein gefuehl:
9 sprachen die ich gleichzeitig spreche
oder
das gefuehl das mich warnt
wenn du jetzt zusammen klappst
kann dich niemand hoeren
dann wirst du sterben
und sie werden auch sterben
und wer wird das zusammen kehren
der friseur und seine haarige affaere
also sitzt du auf 3 taschen voller gold an einer stelle
auf der suche nach einem motiv
das in die gegend passt
und du weisst du kriegst nur eine
gute mischgegend maximal
wenn du an blut sparst
long ways (holger sasum)
long ways
are always a little late
when everything goes straight
at least they get to where they
want to go
but if you are extra lucky
you‘ll reach even further
it is twoish in the morning at a
station in the industrial park
you go with 3 bags
and an extra strange feeling
as if they were filled with gold
across a four-laned road
where the schedules take you for a ride
some things you only do with money
that comes from misplaced saving
that keeps you calm
in the last light in the station
you are rich and scared and stingy
tailed by heavy eyes
a feeling:
9 languages i am speaking at the same time
or
the feeling that warns me
if you‘re collapsing now
nobody can hear you
then you will die
and they will die too
and who will sweep it together
the barber and his hair affair
so you sit on three bags filled with gold at a spot
searching for a motive
that fits the scenery
knowing you‘ll only get a good mix at max
when you cut short the blood
Zuckerzone 06 (Andreas Wagner)
Wie ein Besuch der Frankfurter Kulturzone 06 zum realkapitalistischen Happening wurde
Das hört sich doch eigentlich gar nicht so schlecht an, was die FAZ am 15.07.2006 aus der »Kulturzone 06« zu berichten weiß: von einem »Gründungskongress für eine Wissenschaft von allem und jedem«, unterstützt von Gegrilltem und Gezapftem ist da die Rede, state of the art und finanzstark zugleich – eigentlich unvorstellbar für einen Studenten der Geisteswissenschaften an einer deutschen Durchschnittsuniversität. Auch die Ankündigungen auf ganzseitigen, nicht nur auf der Designebene kryptischen, Anzeigen wecken einige Tage zuvor bereits ein gewisses Grundinteresse, das von eigenen Assoziationen weiter angeheizt wird: Interzone, Twilight Zone, Kulturzone… – wenn man die Möglichkeit hat, einen solchen Ort zu besuchen, sollte man sie nutzen.
Doch wie enttäuschend dann die Realität: ein Panel, dessen Teilnehmer – jedenfalls an diesem Samstagnachmittag – die beeindruckende Leistung vollbringen, meilenweit an einem so diffusen Thema wie »Sinn, Macht, Moral« vorbeizureden, was aber vielleicht auch einfach daran liegen mag, dass Herr Scobel gerade erst »von der Arbeit« kommt, Herr Matussek kurzfristig absagen musste und Frau Selim von ihrem privaten Kampf mit der englischen Sprache aufgerieben wird. Sei´s drum: es gibt ja noch den Culture Club, in dem man in der Filmlounge einigen hundert Gläubigen dabei zusehen kann, wie sie eine riesige Sanddüne mittels Schaufeln »bewegen« möchten, grandios scheitern, dies aber nicht einsehen wollen und sich einfach selbst feiern. »When Faith moves Mountains« ist der Originaltitel, auf deutsch etwa »Wenn Subventionen Filmprojektoren bewegen«. Auf diese Enttäuschung folgt dann der allertraurigste Anblick der ganzen Kulturzone, die vollkommen kinderfreie, von ein paar Erwachsenen in Beschlag genommene »Kinderakademie«. Vermutlich hochmotivierte Pädagogen haben hier allerhand kreative Spiele für die Kinder vorbereitet, die die Kongressteilnehmer nicht nur statistisch nicht zu haben scheinen. Auf einmal ist sie präsent, die demographische Katastrophe, von der überall die Rede ist und eine Frage taucht auf, deren Beantwortung zu diesem Zeitpunkt unendlich entfernt erscheint und räumlich doch so nahe liegt: wo sind die denn, wenn man sie mal braucht – die Kinder?
Verlässt man die Messehalle, um etwas in der Sonne auszuspannen, fallen einem plötzlich zahlreiche Familien auf. Ein Erfolg der Kinderakademie? Nein, wie ein kurzes Nachfragen bei einem Familienvater ergibt, der seinen Kinderwagen nutzt, um Unmengen von Müllermilch und Chio-Chips zu befördern. Vielmehr hat der Rewe-Konzern mit seinem »Minimal Happy Family Day« heute die Kindererziehung in Frankfurt übernommen. Nur wenige hundert Meter vom Veranstaltungsort der Kulturzone tut sich mitten auf dem Messegelände ein Paralleluniversum auf, auf das man so nicht vorbereitet war: auf der Bühne steht Matthias Reim, von Solarium und Schuldennot sichtlich gezeichnet, nur mit einer offenen Cargoweste und zu kurzen Hosen bekleidet. Er singt »und immer wieder seh´ ich dich, durch getöntes Plexiglas« für die Eltern, während die für die jüngeren bestimmte Boyband US5 wohl schon zum nächsten A-Event unterwegs ist.
An die Bühne schließt sich ein riesiger Open-Air-Konsum-Freizeitpark an, dessen einzelne Buden, Zelte und Wagen von den Markennamen des Minimal-Sortiments nur so wimmeln. Hier bekommen klebrige, kleine Hände alles, was für einen zünftigen Zuckerrausch nötig ist: Capri-Sonne, Coca-Cola, Müller-Milch, Fruchtzwerge. Manchmal werden die Produkte verschenkt, was dann zu Menschenansammlungen führt, in denen sich recht häufig diejenigen »Kinder« mit Bartwuchs und 90 Kilo Kampfgewicht gegen die unliebsame Konkurrenz aus Kindergarten und Grundschule durchsetzen, dann wieder werden die Eltern angehalten, riesige »Vorteilspackungen« der genannten Produkte zu kaufen. Das wird von den Erziehungsberechtigen auch pflichtbewusst getan, schließlich werden ja auch sie von Rewe erstklassig unterhalten – vertreten durch die Firmen Krombacher und Schöfferhofer etwa, oder die zahlreichen Grill- und Frittierstationen. Bei Temperaturen von über dreißig Grad wird nach ein paar Weizenbier wohl kaum noch über Mehr- oder Nährwert der Vorteilspackungen nachgedacht. Dies erklärt dann auch, warum zahlreiche Kinder den Weg nach Hause am Samstag widerwillig zu Fuß und nicht im gemütlicheren Kinderwagen antreten müssen – ein Schaden für die teilweise erstaunlich rundlichen Körper der Kleinen muss deswegen aber wohl nicht angenommen werden.
Den größten Zulauf auf dem Gelände hat natürlich der Coca-Cola-Stand; auch Fünfjährige unterscheiden auf dem Happy Family Day intuitiv Premiummarken von wenig glamourösen Großmolkereien. Außerdem gibt es hier auch die meisten Geschenke: Goleo-Plüschfiguren, die doch schon während der Weltmeisterschaft niemand haben wollte, werden aus den Händen der mit allen Wassern gewaschenen und mit Nerven wie Drahtseilen ausgestatteten Promotion-Arbeiter urplötzlich zu heißbegehrten Reliquien der Coca-Cola-Religion. Was der 40jährige Mann im Unterhemd allerdings mit gleich dreißig der Figuren anfangen will, bleibt sein Geheimnis. Viel interessanter wäre es aber sowieso gewesen, diesen Stand mit einigen Adorno-geschulten Referenten der Kulturzone zu besuchen. Wahrscheinlich wären ihnen die Tränen gekommen, wenn sie beobachtet hätten wie hunderte von Kindern und dutzende Erwachsene abwechselnd ekstatisch »Nestea« oder »Coca-Cola« skandierten, je nachdem welches Werbehandtuch der Chefeinpeitscher gerade der begeisterten Menge präsentiert.
Wieder zurück in den klimatisierten Räumlichkeiten des Messegeländes, kann der Besucher dieses Top-Events, das Frankfurt an diesem Wochenende zum Nabel realgesellschaftlicher Avantgardebewegungen gemacht hat, wieder ganz gemütlich in den etablierten und erstarrten Kulturbetrieb des anderen, ungleich konventionelleren Events, nämlich der Kulturzone 06 eintauchen. Bei unaufdringlichen Downbeats und gepflegten Getränken kann er sich dann wieder der Zukunft von Kunst und Gesellschaft widmen – Kindergeschrei wird ihn davon sicherlich nicht ablenken.


















