lange wege (holger sasum)

lange wege
sind immer etwas spaet
wenn alles normal laeuft
dann kommen sie wenigstens an
doch wenn du extra viel glueck hast
dann kommst du noch weiter
es ist gegen 2 am morgen an einem bahnhof im industriegebiet
du gehst mit 3 taschen
und einem extra seltsamen gefuehl
als waeren sie mit gold gefuellt
ueber eine 4 spurige strasse
auf der dich die fahrplaene verscheissern

manche sachen machst du nur mit geld
das du an der falschen stelle sparst

das beruhigt dich
im letzten licht im bahnhof
bist du reich und aengstlich und geizig
beschattet von schweren augen

ein gefuehl:
9 sprachen die ich gleichzeitig spreche
oder
das gefuehl das mich warnt
wenn du jetzt zusammen klappst
kann dich niemand hoeren
dann wirst du sterben
und sie werden auch sterben
und wer wird das zusammen kehren
der friseur und seine haarige affaere

also sitzt du auf 3 taschen voller gold an einer stelle
auf der suche nach einem motiv
das in die gegend passt
und du weisst du kriegst nur eine
gute mischgegend maximal
wenn du an blut sparst

long ways (holger sasum)

long ways
are always a little late
when everything goes straight
at least they get to where they
want to go
but if you are extra lucky
you‘ll reach even further
it is twoish in the morning at a
station in the industrial park
you go with 3 bags
and an extra strange feeling
as if they were filled with gold
across a four-laned road
where the schedules take you for a ride

some things you only do with money
that comes from misplaced saving

that keeps you calm
in the last light in the station
you are rich and scared and stingy
tailed by heavy eyes

a feeling:
9 languages i am speaking at the same time
or
the feeling that warns me
if you‘re collapsing now
nobody can hear you
then you will die
and they will die too
and who will sweep it together
the barber and his hair affair

so you sit on three bags filled with gold at a spot
searching for a motive
that fits the scenery
knowing you‘ll only get a good mix at max
when you cut short the blood

Zuckerzone 06 (Andreas Wagner)
Wie ein Besuch der Frankfurter Kulturzone 06 zum realkapitalistischen Happening wurde

Das hört sich doch eigentlich gar nicht so schlecht an, was die FAZ am 15.07.2006 aus der »Kulturzone 06« zu berichten weiß: von einem »Gründungskongress für eine Wissenschaft von allem und jedem«, unterstützt von Gegrilltem und Gezapftem ist da die Rede, state of the art und finanzstark zugleich – eigentlich unvorstellbar für einen Studenten der Geisteswissenschaften an einer deutschen Durchschnittsuniversität. Auch die Ankündigungen auf ganzseitigen, nicht nur auf der Designebene kryptischen, Anzeigen wecken einige Tage zuvor bereits ein gewisses Grundinteresse, das von eigenen Assoziationen weiter angeheizt wird: Interzone, Twilight Zone, Kulturzone… – wenn man die Möglichkeit hat, einen solchen Ort zu besuchen, sollte man sie nutzen.

Doch wie enttäuschend dann die Realität: ein Panel, dessen Teilnehmer – jedenfalls an diesem Samstagnachmittag – die beeindruckende Leistung vollbringen, meilenweit an einem so diffusen Thema wie »Sinn, Macht, Moral« vorbeizureden, was aber vielleicht auch einfach daran liegen mag, dass Herr Scobel gerade erst »von der Arbeit« kommt, Herr Matussek kurzfristig absagen musste und Frau Selim von ihrem privaten Kampf mit der englischen Sprache aufgerieben wird. Sei´s drum: es gibt ja noch den Culture Club, in dem man in der Filmlounge einigen hundert Gläubigen dabei zusehen kann, wie sie eine riesige Sanddüne mittels Schaufeln »bewegen« möchten, grandios scheitern, dies aber nicht einsehen wollen und sich einfach selbst feiern. »When Faith moves Mountains« ist der Originaltitel, auf deutsch etwa »Wenn Subventionen Filmprojektoren bewegen«. Auf diese Enttäuschung folgt dann der allertraurigste Anblick der ganzen Kulturzone, die vollkommen kinderfreie, von ein paar Erwachsenen in Beschlag genommene »Kinderakademie«. Vermutlich hochmotivierte Pädagogen haben hier allerhand kreative Spiele für die Kinder vorbereitet, die die Kongressteilnehmer nicht nur statistisch nicht zu haben scheinen. Auf einmal ist sie präsent, die demographische Katastrophe, von der überall die Rede ist und eine Frage taucht auf, deren Beantwortung zu diesem Zeitpunkt unendlich entfernt erscheint und räumlich doch so nahe liegt: wo sind die denn, wenn man sie mal braucht – die Kinder?
Verlässt man die Messehalle, um etwas in der Sonne auszuspannen, fallen einem plötzlich zahlreiche Familien auf. Ein Erfolg der Kinderakademie? Nein, wie ein kurzes Nachfragen bei einem Familienvater ergibt, der seinen Kinderwagen nutzt, um Unmengen von Müllermilch und Chio-Chips zu befördern. Vielmehr hat der Rewe-Konzern mit seinem »Minimal Happy Family Day« heute die Kindererziehung in Frankfurt übernommen. Nur wenige hundert Meter vom Veranstaltungsort der Kulturzone tut sich mitten auf dem Messegelände ein Paralleluniversum auf, auf das man so nicht vorbereitet war: auf der Bühne steht Matthias Reim, von Solarium und Schuldennot sichtlich gezeichnet, nur mit einer offenen Cargoweste und zu kurzen Hosen bekleidet. Er singt »und immer wieder seh´ ich dich, durch getöntes Plexiglas« für die Eltern, während die für die jüngeren bestimmte Boyband US5 wohl schon zum nächsten A-Event unterwegs ist.

An die Bühne schließt sich ein riesiger Open-Air-Konsum-Freizeitpark an, dessen einzelne Buden, Zelte und Wagen von den Markennamen des Minimal-Sortiments nur so wimmeln. Hier bekommen klebrige, kleine Hände alles, was für einen zünftigen Zuckerrausch nötig ist: Capri-Sonne, Coca-Cola, Müller-Milch, Fruchtzwerge. Manchmal werden die Produkte verschenkt, was dann zu Menschenansammlungen führt, in denen sich recht häufig diejenigen »Kinder« mit Bartwuchs und 90 Kilo Kampfgewicht gegen die unliebsame Konkurrenz aus Kindergarten und Grundschule durchsetzen, dann wieder werden die Eltern angehalten, riesige »Vorteilspackungen« der genannten Produkte zu kaufen. Das wird von den Erziehungsberechtigen auch pflichtbewusst getan, schließlich werden ja auch sie von Rewe erstklassig unterhalten – vertreten durch die Firmen Krombacher und Schöfferhofer etwa, oder die zahlreichen Grill- und Frittierstationen. Bei Temperaturen von über dreißig Grad wird nach ein paar Weizenbier wohl kaum noch über Mehr- oder Nährwert der Vorteilspackungen nachgedacht. Dies erklärt dann auch, warum zahlreiche Kinder den Weg nach Hause am Samstag widerwillig zu Fuß und nicht im gemütlicheren Kinderwagen antreten müssen – ein Schaden für die teilweise erstaunlich rundlichen Körper der Kleinen muss deswegen aber wohl nicht angenommen werden.
Den größten Zulauf auf dem Gelände hat natürlich der Coca-Cola-Stand; auch Fünfjährige unterscheiden auf dem Happy Family Day intuitiv Premiummarken von wenig glamourösen Großmolkereien. Außerdem gibt es hier auch die meisten Geschenke: Goleo-Plüschfiguren, die doch schon während der Weltmeisterschaft niemand haben wollte, werden aus den Händen der mit allen Wassern gewaschenen und mit Nerven wie Drahtseilen ausgestatteten Promotion-Arbeiter urplötzlich zu heißbegehrten Reliquien der Coca-Cola-Religion. Was der 40jährige Mann im Unterhemd allerdings mit gleich dreißig der Figuren anfangen will, bleibt sein Geheimnis. Viel interessanter wäre es aber sowieso gewesen, diesen Stand mit einigen Adorno-geschulten Referenten der Kulturzone zu besuchen. Wahrscheinlich wären ihnen die Tränen gekommen, wenn sie beobachtet hätten wie hunderte von Kindern und dutzende Erwachsene abwechselnd ekstatisch »Nestea« oder »Coca-Cola« skandierten, je nachdem welches Werbehandtuch der Chefeinpeitscher gerade der begeisterten Menge präsentiert.

Wieder zurück in den klimatisierten Räumlichkeiten des Messegeländes, kann der Besucher dieses Top-Events, das Frankfurt an diesem Wochenende zum Nabel realgesellschaftlicher Avantgardebewegungen gemacht hat, wieder ganz gemütlich in den etablierten und erstarrten Kulturbetrieb des anderen, ungleich konventionelleren Events, nämlich der Kulturzone 06 eintauchen. Bei unaufdringlichen Downbeats und gepflegten Getränken kann er sich dann wieder der Zukunft von Kunst und Gesellschaft widmen – Kindergeschrei wird ihn davon sicherlich nicht ablenken.

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