Freiheit für Großtyphien und den Wald, steht da geschrieben, wie nett! Aber machen wir einen Schritt zurück und schauen uns das Denkmal in seiner ganzen Schönheit an: Ein Held, in Granit gehauen, aufgerichtet auf zwei Beine steht er da, stolz und monumental, unser aller Ideal! Die Rechte mit Wurfspeer gen Himmel gereckt, Blick in die Ferne, im obersten linken Arm ein Schild mit großtyphischem Wappen, weißes Eichblatt auf schwarzem Grund, die mittleren Beine darunter tragen Schleudern: Links die Sehnsucht – Steinsplittermunition – rechts, etwas größer, der Befreier für die A-Granaten, der Gürtel voller Munition. Ein schönes Symbol für unsere Nation: Hart aber gerecht, mit allen uns zur Verfügung stehenden Waffen, haben wir im ganzen Wald die Demokratie verteidigt, ja tun es immer noch, werden auch nicht davon ablassen!

Und wo stünde es besser als hier, direkt an der A1, der wichtigsten Ameisenstraße unserer Insel, wo es Tag für Tag Zehntausenden neuen Mut gibt: Den Transportmeisen mit ihren schweren Karren, unseren strammen Soldaten, wenn sie morgens schon marschieren und all den Kurieren, die auf Asseln vorbei galoppieren!
Aber was ist das? Große Schatten, die sich über die Straße bewegen, alles schaut zum Himmel, der Fluss kommt ins Stocken, die Trommeln lauter und lauter – jetzt kriecht das Dunkel an der Statue empor, padam, padadam – Schmeißfliegen, brummt ein alter Krieger, und schwer beladen. Was machen die denn hier? Auch uns ist das nicht geheuer, schnell woanders hin.

Unser junger, starker Präsident: Seriös, aber vital – stets in der richtigen Mischung – grüne, ausdrucksstarke Augen, wenn es drauf ankommt leicht hypnotisch, die mächtigste Ameise des ganzen Waldes. Wir haben das Schicksal der Nation gerne in seine Hände gelegt: Großtyphien liebt ihn, wie sein triumphaler Wahlerfolg unlängst bewiesen hat. Schließlich geht es bei uns nicht zu wie bei den unzivilisierten Blattschneidermeisen oder den vielen Völkern am östlichen Ufer. Gerade isst er zu Mittag: Ameisenbrot mit
Pilzen und Honigtau, er mag es einfach.
Diese halbe Stunde des Tages verbittet er sich jede Störung, man sagt, er danke Sumsa, dem Wächter aller Sammler, schmunzele zufrieden vor sich hin und kaue jeden Bissen dreimal. Wir wissen ja: Er wird sich danach, sprudelnd vor Tatendrang, wieder in die Arbeit stürzen, Entscheidungen fällen, Sitzungen leiten, Pressekonferenzen geben. Also gönnen wir ihm seine Ruhe und schauen uns ein wenig um, weg aus den langweiligen Schreibstuben im Regierungskomplex und hinaus auf einen der Hauptgänge, die sich wie Adern durch den Großen Haufen ziehen, hoch auf die sechste Ebene zum Markt: Überall Arbeiter, viele mit Ballen aus Fichten- oder Kiefernnadeln auf dem Rücken und Stände mit Leckereien, Verkäufer, die lautstark Waren feilbieten – dort, gebratene Bürstenspinnerraupe für den kleinen Hunger, ei wie das duftet, oder süße Honigkipferl, wir haben es uns verdient! Auch Karren mit zu Möbeln verarbeiteten Chitinpanzern und einer, völlig überladen mit geschnittenen Blättern von der Linde am Westufer, bestimmt für die Pilzfarmen, auf dem Kutschbock – beständig schimpfend – ein alter Typher, ach, hier kommt keine Langeweile auf, der Große Haufen schläft nie!
Man beneidet uns um diese Perle der Zivilisation, da können wir sicher sein: Von den alten Erntevölkern auf ihren Wiesen bis zu den nördlichen Waldameisen und erst recht den Feuerameisen im Kieferngrund, alle schauen auf unseren Haufen, jede Ameise des Waldes wäre insgeheim lieber hier aufgewachsen! Oder jede Meise, wie man so schön sagt: Wir freuen uns ja, dass so viele Fremde unseren Haufen besuchen und wir anderen Völkern Wissen und Werte vermitteln können, aber das A sollte doch den Typhern vorbehalten bleiben.
Man muss sich nur den Freiheitsplatz ansehen, diese riesige Halle auf Ebene Acht, gleich neben der Versammlungskammer: Tausende Wagen, Reihe an Reihe, vom Einsitzer bis zur Kutsche mit einem Dutzend Zugmeisen davor! Und natürlich unzählige Boten, zu Fuß oder auch beritten, wie wir sie auf der A1 gesehen haben. Hier im Herzen des Haufens bekommen Schicksale neue Wendungen: Glücks- oder Trauerbotschaften werden ins Land gesandt, so mancher Überfall geplant und ausgeführt, ja, Pärchen müssen sich trennen oder liegen sich nach langer Zeit wieder in den Armen – da an der Haltestelle steht schon eins, gehen wir doch näher heran. Ein hübsches Ammenmädchen und ihr fescher Feuerwehrfreund in Uniform – eigentlich ist er Reporter, aber auch privat sehr engagiert – sie tauschen Zärtlichkeiten aus und reden von seinem Freiwilligendienst auf der Hohen Tanne: Erst in fünf Tagen wird er wieder da sein, die Armen, ach, wir fühlen mit ihnen!
Aber uns schwirren immer noch diese Schmeißfliegen im Kopf herum, wir können uns gar nicht entspannen – ob die noch unterwegs sind? Ja, da ziehen sie im Tiefflug über unser Land, was wollen die bloß? Und wieder Getrommel, wir sind beunruhigt – besser nicht zu lange hinsehen.

Unser Präsident, er gibt uns immer ein gutes Gefühl: Der liebe Kurt, kurz und knackig. Gerade besichtigt er die Blattlausfarmen auf dem Wacholderbusch im Süden der Insel, er macht Witze, um ihn Reporter, die eifrig Notizen in ihre Lindholztafeln ritzen. Kurt interessiert sich für jedes Detail und stellt viele Fragen, hach, ist er nicht sympathisch? Der Farmvorsteher, kräftig und breitschultrig – einer, der den Überblick hat und mit allen sechs Beinen im Leben steht – gibt geduldig Auskunft. Aber da passiert nicht viel, zurück zu den Liebenden, oje, es heißt Abschied nehmen, ein letzter Kuss, eine Träne, Geigenmusik im Hintergrund, möge Kundigunda, die Wächterin aller Liebenden, ihnen diesen schweren Moment erleichtern – halt, was ist jetzt los? Die Erde bebt, draußen muss etwas passiert sein! Gut, dass wir gerade live dabei sind, ist vielleicht ein Fichtenzapfen in den Haufen gekracht? Aber es stürmt doch gar nicht, wo soll der herkommen! So kann ich dich nicht alleine lassen, flüstert der Feuerwehrfreund zu seiner Geliebten, wer weiß, was da los ist. Eine zweite Erschütterung, eigenartig, eine dritte, auf dem Platz wird es unruhig: Bassgegrummel, die Luft knistert, Hitze – schnell raus, nachsehen: Ein Einschlagskrater, verdammt! Der Große Haufen brennt, darüber Schmeißfliegen – wir haben geahnt, dass die was im Schilde führen, die Piloten klopfen Steinchen aufeinander, ach, sie wollen die Ladung entzünden! Da hat es schon einer geschafft, wie das brennt – es werden gepresste Kiefernsamen sein, die sind besonders ölhaltig – bei Gargor, er lenkt seine Fliege in den Krater, wie kann er nur, dieser blinde Hass! Und überall flüchten unsere armen Typher, dort rückt bereits Katastrophenschutz an, sauber in Reih und Glied.
Auf dem Freiheitsplatz wird geflüstert, getuschelt, eine Nachricht geht um wie ein Waldbrand, wird jetzt laut umher gerufen: Wir werden angegriffen, in unserem eigenen Land, ungeheuerlich! Wann gab es das zuletzt, wer sollte es wagen? Etwa ein Specht, sind die nicht ausgerottet, oder feindliche Bienenbomber, aber woher? Weitere Erschütterungen, Rauch: Da rennt alles durcheinander, Wagen kippen um, sogar Kutschen, einige werden geplündert, unser Pärchen von der Menge mitgerissen, Fühler haltend, immer mehr Rauch quillt herein – nur nach oben, an die frische Luft! Der Feuerwehrfreund hält plötzlich inne: Läuschen, die Pflicht ruft, sie schaut erschrocken, ich muss zurück, bring dich in Sicherheit! Großartig, das ist ein echter Tyhper, darum hat auch er einen Namen: Herbert. Sei vorsichtig, flüstert sie, doch die beiden werden auseinander gerissen, er kämpft sich entschlossen zurück, gegen die kreischende Menge.

Schnell zu Kurt, der wird uns retten – nein, er ist noch gar nicht informiert und erklärt Reportern sein Programm zur Ankurbelung des Honigtauexports, die Sonne scheint, im Hintergrund nuckeln Läuse an Blattstängeln. Ein Reporter fragt nach der Finanzierung, ziemlich harsch klingt das, kann er nicht freundlicher sein? Kurt rettet wortgewandt die Situation, doch jetzt flüstert ihm ein Berater etwas zu – mein Präsident, wir werden von Suizid-Schmeißfliegen angegriffen, was sind Ihre Befehle? Kurt erbleicht, er sieht überrascht aus, fast hilflos, er wird doch einen Ausweg wissen? Aber da sichern bereits zwei Wespenjäger den Luftraum, taraa, die L1-Kommandolibelle landet, sie wird ihn an den Ort des Geschehens bringen, jetzt wird alles gut!
Aber der Große Haufen – das schmerzt ganz tief im Herzen, unser aller Stolz: In Flammen und Chaos, immer noch schwirren Schmeißfliegen umher, gerade stürzt sich wieder eine herab, wie tief der Krater bereits ist, wo bleiben nur unsere Jäger? Da rutscht der Kraterrand hinab in die Flammen und mit ihm hunderte unschuldiger Ameisen – die Armen, wir können gar nicht hinsehen, ist das dramatisch! Na, erstmal eine Pause.

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Da sind wir wieder – ah, ich seh schon, wir haben eine Menge verpasst, drei weitere Schmeißfliegen sind in den Krater gestürzt, die restlichen hat unser Siebzehntes Wespenjagdgeschwader vom Himmel geholt, die Flieger kreisen stolz über dem Haufen, wir fühlen uns sicherer. W-113-Jäger sind wirklich faszinierend: Die Wespen selbst schützt bearbeiteter Hirschkäferpanzer – reinstes Chitin – neben Öffnungen für Augen, Flügel und Beine ist ein Teil des Hinterleibs frei, sodass optimale Beweglichkeit des Stachels gewährleistet bleibt. Die Wespe trägt zwei Sattel, einen für den Piloten, den anderen für den Waffenoffizier an seiner Sehnsucht: Ein Vorzeigeschild unserer Zivilisation, dieses Geschwader – ach und doch haben wir uns überraschen lassen von den Barbaren! Das Feuer ist immer noch nicht unter Kontrolle, dort kriecht auch Herbert durch die Gänge, er hat eine Arbeiterin aus ihrer Kammer gerettet und trägt sie in tiefere Regionen, da wacht sie auf und blickt ihn mit großen Augen an, du hast mir das Leben gerettet, für dich tu ich alles! Doch er ist in Gedanken bei den anderen Opfern, stellt sich vor, wie sie ersticken, frisch Entpuppte und Alte, Mädchen wie seine Amme. Werden wir uns wieder sehen, fragt die Arbeiterin, doch er hört nicht, verschwindet schon im Rauch, dabei hat er gar keinen Atemschutz, der Mutige!
Wie mag es der Seinen gehen, wir glauben, sie heißt Rita? Na, uns fällt ein Stein vom Herzen, sie ist oben bei den Übungsplätzen, draußen an der Luft! Doch wohin weiter, hier kann sie nicht bleiben, hier ist es zu gefährlich – ist in dieser Richtung nicht das Flugfeld? Da kommen ihr schon welche entgegen, zu viel Rauch, sagen sie, na, Rita will selbst nachsehen – stimmt, kein Durchkommen – aber sie muss doch weg hier: Dorthin, nein, da lecken schon die Flammen, wir werden alle sterben, immer näher kommt das Feuer, einige springen schon – ach, sie verenden in den Flammen! Unsere liebe Rita beginnt zu schluchzen, bitterlich, im Hintergrund Geschrei, Asche weht umher, schon wieder traurige Geigen, Sturm und Hitze – jetzt steht sie starr, kann nicht mehr weinen, große, abwesende Augen, sie betet inbrünstig zu allen Wächtern, die sie kennt – solch ein Ende hat sie nicht verdient!
Da weht ihr ein Stück Eichblatt zu, unschlüssig hält sie es fest, dann nagt sie eine Botschaft hinein, wir können nicht erkennen was, eine letzte Nachricht wohl, die Worte einer Sterbenden für die Nachwelt, vielleicht für ihren Geliebten! Jetzt ist sie fertig, übergibt das Blatt dem Wind und da bricht auch schon der obere Teil des Haufens ein, alle vergehen sie in den Flammen – oh nein, wie konnte es so weit kommen!
Das Blatt jedoch wird durch das Inferno auf und ab gewirbelt, ein Sinnbild unserer Nation. Na, es wird wohl in den Flammen vergehen – Glück gehabt, ein Luftzug reißt es hoch: Jetzt ist es außer Gefahr und sinkt langsam nieder, gar nicht weit vom Großen Haufen, einmal wird es noch empor gehoben, dann berührt es sacht den Boden und bleibt liegen.

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