Auch wenn sie nun schon seit zwei Tagen rum ist (in unserem Hochgeschwindigkeitszeitalter also längst Schnee von gestern), die Alma Mater der Gutenberg-Mafia, die Buchmesse, muss ich doch noch den ein oder anderen Kommentar dazu loswerden.

Nebst spannender neuer Kontakte und interessanter Bücher (natürlich gab es von beidem auch genügend Unrat) war die Messe mit allem drum und dran vor allem als Feldforschungs-Projekt höchst interessant. Auch der Versuch, die Grenzen zwischen der Frankfurter Geschäftmesse und der Leipziger Szenemesse, aufzubrechen, war schön bunt inszeniert. Am interessantesten war da die Veranstaltung „Open Books“ im Frankfurter Kunstverein, dessen Höhepunkt die Hotlist 2009 Preisverleihung darstellte. 20 Bücher von so genannten Independent Verlagen wurden ins Rennen geschickt und das Publikum durfte im Vorfeld via Internet abstimmen, welcher Titel denn nun der hotteste und hippeste sei. Seine Stimme abzugeben sei von jedem Computer aus nur genau einmal möglich, der Fairness halber. Naja dann.

Schnitt.

22.00 Uhr. Während bei den Lesungen die Publikumsstöme eher als Rinnsale zu bezeichnen waren, drängen sich nun tatsächlich Massen hauptsächlich junger Menschen in das dreistöckige Gebäude. Der einzige, der aussieht, als sei er acht stunden gefühlte 25.000 km einem armenischen Brunnenesel gleich über die Buchmesse gelaufen bin ich. Alle anderen scheinen wie aus dem Ei gepellt, oder, eher wie einem 50er-Jahre-Bildband oder einer Berliner-Szene-Milchbar entsprungen. Wenn das die dazugehörige Independent-Szene ist, habe ich bis dato das Wort „independent“ falsch verstanden.

Schnitt.

22.45 Uhr. Wie aus dem Nichts erscheint Denis Scheck auf der Bühne des maßlos überfüllten und überhitzen Raumes, in dem sich etwa 200 Menschen versammelt haben (die anderen 600 haben sich über die restlichen Ebenen verteilt). Innerhalb von knapp 15 Minuten reißt Scheck die Chose runter, kurzes Gespräch mit zwei Independent-Verlags-Vertreterinnen, Platz fünf geht an, Platz vier geht an, Platz drei geht an, Platz zwei geht an, Platz eins geht an Alexander Schimmelbusch und dessen bei Blumenbar erschienenes „Blut im Wasser“. Alexander Schimmelbusch ist aber alles andere als hot, eher verdammt cool, wenn er die meisten Fragen von Denis Scheck damit beantwortet, dass er sich darüber noch gar keine Gedanken gemacht habe. Das ist prima, Konzentration braucht es nicht um dieser Konversation zu folgen, und so kann man sich derweil in aller Ruhe fragen, wie das mit dem Independent gemeint war. Im Vorfeld wurde ja noch mehrfach auf vor allem finanzielle Unabhänhigkeit als Merkmal dieser Verlage hingewiesen. Ja, Blumenbar ist ein urgeiler Verlag (und der einzige mit geilen Covern), aber wenn mich nicht alles täuscht, wird der Verlag seit 2006 als Kommanditgesellschaft betrieben und Fusionspläne nach dem Umzug in die schöne Szenemetropole Berlin habe waren doch auch im Gespräch – oder? Wieder schwant mir, das Wort Independent nicht verstanden zu haben.

Denis Scheck hat derweil jemanden von der Mayerschen auf die Bühne geholt (von dieser wird das Preisgeld, stolze 5000,- €, gestellt), um sich mit ihm den besten Wortwechsel des Abends zu liefern (Etwa so: Scheck: „Wieso grade die große Mayersche?“ Mayerscher: „Das hab ich geahnt, dass Sie mich das fragen würden.“ Scheck: „Ich hab Ihnen die Fragen ja auch vorher geschickt.“).

Ab dann wird es schwer, zu folgen. Die meisten drängen nach draußen, die Dancefloors sind gerichtet, der Typ von der Mayerschen plappert verzweifelt irgendetwas vor sich hin, über das er sich bestimmt viele Gedanken gemacht hat, um bei dem jungen Szene-Publikum zu landen und so deren Coolheit ein wenig auf seine Buchhandelskette abstrahlen zu lassen.

Naja, denk ich mir, wenn das also der literarische Underground sein soll, dann will ich damit (nicht zuletzt mangels Coolheit meinerseits) lieber nichts zu tun haben. Dann verlege ich mich lieber aufs Overground-Dasein, denke ich mir, steck mir meine Kopfhörer in die Ohren („There’s a world going on underground…“) und fahre nach Hause in die Provinz.

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