Lieber Leser,

bevor Du mit der Lektüre des Buches „Marock’nRoll“ von Hadayatullah Hübsch beginnst, komme ich nicht umhin, Dir etwas zu beichten. Ich muss etwas loswerden, was mir so recht nicht über die Lippen kommen will. Aber manchmal muss ein Verleger eben tun, was ein Verleger tun muss.

Die Bandbreite der Handlungsmöglichkeiten scheint mir ohnehin recht beschränkt. Nach ausschweifenden Zergrüblungen sehe ich genau genommen nur folgende drei Möglichkeiten:

1)      So tun, als hätte ich es gar nicht gemerkt. Und wenn mich jemand drauf anspricht, völlig überrascht tun.

2)      So tun, als hätte ich es gar nicht gemerkt. Und wenn mich jemand drauf anspricht, beichten oder fragen: „Hatte ich Dir das gar nicht erzählt?“

3)      Sofort beichten und damit dem ein oder anderen Spötter den Wind aus den Segeln nehmen und nicht ständig überlegen müssen: was ist, wenn‘s einer merkt? Oder kommst Du damit durch?

So wie es grade aussieht, habe ich mich zu Letzterem durchgerungen. Also dann…

Reden wir also über Peinlichkeiten, die jeder Verleger sowohl dem Autor, als auch der Leserschaft und vor allem sich selbst gerne ersparen würde – den Kritikern mag man es aus anderen Gründen vorenthalten.

Reden wir zum Beispiel über Tipp- oder Rechtschreibfehler.

Da gibt es nun jene, die zwar auch nicht eben erfreuen, die aber verkraftbar sind. Ein sinnlos platzierter Buchstabe, ein vergessener, ein Leerzeichen zu viel oder zu wenig – ärgerlich, passiert aber.

Dann wären dann da noch die Fehler, die offenkundig welche sind, bei denen aber ebenso offenkundig irgendjemand davon ausging, das gehöre so. Schon eine ganze Ecke peinlicher, aber noch nichts im Vergleich zu dem, was – na, wir wollen mal nicht vorgreifen.

Und zu guter Letzt sei eben jener Fehler ins Feld geführt, der mich zum Verfassen dieser Zeilen bewog. Wörter, die durch nur einen vergessenen, verdrehten, verwechselten, ergänzten Buchstaben einen völlig neuen Sinn ergeben. Und im falschen Kontext ziemlich viel Sinn zerstören.

Schnitt.

Es begab sich also, dass ich kurz vor der Leipziger Buchmesse 2010 unbedingt noch „Marock’n’Roll“ fertig bekommen wollte. Das gute Stück von Hadayatullah Hübsch sollte doch in Halle 2 an Stand G209 nicht fehlen. Wie immer auf den letzten Drücker wurden Cover und Collagen fertig, arbeitete ich die letzten Änderungen ein und verglich noch einmal die Endfassung mit dem Originalmanuskript – Wort für Wort. Und ebenfalls wie immer musste sich genau in dieser hektischen Phase mein PC in nervenzerfetzender Häufigkeit aufhängen (das soll jetzt keine untergemischte Schuldumverteilung sein). Dennoch – wie nur fast immer – ging alles irgendwie dann doch und die Lyrikbände kamen sogar noch zwei Tage vor meiner Abreise aus der Druckerei.

Schnitt.

Ich packe meinen Koffer, spiele Tetris mit meinen Büchern, frühstücke derweil hastig und verbrenn mir meine Zunge am viel zu heißen Tee. Quasi auf gepackten Koffern sitzend krame ich ein „Marock’n’Roll“ unter meinem Arsch hervor, um endlich einen Blick in das hoffentlich gute Stück zu werfen. Zielloses Geblätter, Papier betatschen, Collagen begutachten, schauen ob die Lesbarkeit der orangenen Schrift ok ist und dann noch schnell in ein Gedicht reinlesen. Um das Lesegefühl zu testen. Der Daumen bleibt beim Blättern auf der Seite mit dem Gedicht „Eierdieb“ hängen. Ja, die Schrift war eine gute Wahl trotz 2010. Sinnlos gutes Gefühl. Dann passiert, wofür ich gerne stehenden Fußes im Erdboden versunken wäre, und zwar laut und hysterisch lachheulend – ich lese die Stelle, an der eigentlich Folgendes stehen sollte:

Von
Solchen Erlebnissen zehrt eine
Reise der Erinnerung,
Quer über den Platz der Gaukler,
Schlangenbeschwörer und
Händler, bei denen du schon mal
Ein zerfleddertes Taschenbuch
Von Hermann Hesse entdecken konntest
[…]

Eigentlich ist meine Blick schon zwei Zeilen weiter, als mir leicht schlecht wird und ich denke: „Momentmal, nein, bitte nicht, Du hast Dich bestimmt nur verlesen.“ Widerwillig geht mein Blick an die Stelle zurück, die schon in der ersten Abtippversion diesen völlig obskuren Tippfehler enthielt und die in der letzten Korrekturphase ausgebessert wurde (was das Abstürzen des PCs wohl rückgängig gemacht hat). Würg, mulm, lies es halt – ja, da steht leider tatsächlich, schwarz auf cremefarben:

Von
Solchen Erlebnissen zehrt eine
Reise der Erinnerung,
Quer über den Platz der Gaukler,
Schlangenbeschwörer und
Händler, bei denen du schon mal
Ein zerfleddertes Taschentuch
Von Hermann Hesse entdecken konntest
[…]

Seltsames Gefühl zwischen sich wegschmeißen vor Lachen und ganz schön tragischem Beigeschmack. Irgendwas zerstören wollen. Oder im Erdboden versinken. Oder mich wenigstens mit Benzin übergießen. Oder was auch immer – aber auf keinen Fall mit Hadayatullah darüber sprechen müssen (der es, als ich es ihm kurz vor seiner Lesung auf der Messe beichtete, besser auffasste, als meine kommenden zwei Nächte mir einreden wollten. Das ist zwar auch eine sehr lustige, aber eine auf einem anderen Blatt stehende Geschichte).

Es kostet Überwindung noch einmal reinzulesen, um zu schauen, wie die Anschlusssätze lauten (könnte ja auch einfach eine verrückt zerzauselte Idee sein, jemanden ein Taschentuch von Hermann Hesse kaufen zu lassen).

„Drehst es sorgsam in der Hand“

Igitt, aber bitte, könnte noch sein

„Aber du kennst es schon“

Mindestens seltsam

„Und willst es doch haben“

Uargh, klingt nach perversem Fetischismus!

Dann schwenkt das Gedicht gottseidank auf ein anderes Bild.

Schnitt.

Also, nur damit keiner denkt, Hadayatullah Hübsch wäre nun völlig übergeschnappt und würde Dichter-Reliquien-Gedichte schreiben: mit diesem Wahnsinn hat er nichts zu tun: ich war‘s. Bevor sich Generationen von Philologen daran die Zähnchen ausbeißen und die Krankenkassenbeiträge für Philologen wegen gesteigertem Berufsrisiko erhöht werden, musste das einfach raus.

Und wenn jemand bei uns ein zerfleddertes Taschentuch von Hadayatullah Hübsch bestellen mag, dann kann er das natürlich gerne tun.

Puh, gut, war doch gar nicht so schlimm.

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