Kapitel 1
Im Zeitraffer mit Hubert Wulff

Nein, ich möchte hier nicht mein komplettes Leben nacherzählen;
es wäre zu mühsam und uninteressant. Wie ich bereits
erwähnte, verlief ein Großteil davon relativ normal, und
was sollen sentimentale Reflexionen über meine Schulzeit beispielsweise
aussagen? In der Grundschule erbauliche Lieder
singen oder mit dicken Wachsmalstiften konzentrische Kreise
auf kratziges graues Recyclingpapier kritzeln, solche Erinnerungen
erfüllen manche Erwachsenen mit behaglicher Melancholie,
aber an einem solchen Zustand habe ich keinerlei
Interesse. Dazu habe ich als schmächtiger Spätzünder von zu
vielen verfrüht sackhaartragenden Sportskanonen zu oft absichtlich
zu viele Fußbälle an den Kopf geschossen bekommen,
als daß es ein lustiges Osterhasenbasteln aus buntem
Tonpapier gäbe, das diese Schmach jemals wieder ausbügeln könnte.

Und mein Leben außerhalb der Schule? Natürlich könnte
ich näher auf die Sonntage eingehen, an denen ich in Begleitung
meines Vaters alle zwei Wochen auf den Dorfsportplatz
trottete, um das jammervolle Rumpelgekicke unserer
Gurkentruppe in der Kreisklasse gegen irgendwelche Kombattanten
aus noch öderen Kaffs hinter den sieben Bergen bei
den sieben Zwergen zu schildern. Da stand ich also nun auf
der Geraden, den vergeblichen Versuchen meines Vaters zu
meiner Identitätsstiftung relativ hilflos ausgeliefert, den Blick
starr geradeaus, und trug ein Eis am Stiel oder eine Flasche
Limo wie ein Zepter, als Insignien eines Reiches, das mir damals
schon absonderlich fremd erschien, während mein großer
dicker Stammesfürst Papa Wumba Papa Tumba mit
atavistischer Kraft in unregelmäßigen Abständen ein »Gerald!
«, »Volker, nach rechts!« oder »Michel, abgeben!« über
den holprigen Rasen hinwegröhrte. Doch auch dies würde
meine eigentliche Intention noch nicht einmal peripher streifen.
Denn das war lediglich relativ harmlos hirnlähmende
Langeweile, aber der richtige Schmerz ließ noch ein paar
Jahre auf sich warten: beispielsweise wegen der Akne, die
mein ganzes Gesicht in eine topographische Landkarte verwandelte,
gehänselt zu werden und zwanzig Körbe von Mädchen
heimzubringen, bis sich endlich eins erbarmte. Es waren
Momente unbeschreiblicher Erniedrigung. Dennoch bleibt das
Ganze im Endeffekt völlig uninteressant. Zwar erfüllen mich
diese beschaulichen Schnappschüsse aus der Blüte meines Lebens
vereinzelt immer noch mit Zorn und gelegentlicher
Rachsucht, doch haben sie letzten Endes nichts damit zu tun,
was ich eigentlich sagen will. Es wäre zu beliebig. Zuviele kennen
diese Geschichten und haben sie größtenteils unbeschadet
überstanden, ansonsten sind sie tot oder in psychotherapeutischer Behandlung.
Darum weigere ich mich auch, um wieder zum Ausgangspunkt
zurückzukehren, meiner verdammten Schulzeit mehr
Aufmerksamkeit zu widmen, als sie es verdient. Denn im Endeffekt
war sie nur ein erbärmliches Furunkel am Hintern der
eigentlichen Magna Mater, des Kaffs, des gottverdammten
Kaffs. Ich behalte mir deshalb vor,mich auf für meine heutige
Entwicklung relevante Ereignisse zu beschränken, um den sicherlich
unzureichenden Versuch zu wagen, dadurch die Seele
des Dorfes offenzulegen. Daraus werde ich dann Schritt für
Schritt die für mich endgültigen Schlußfolgerungen ableiten.
Um damit aber überhaupt einmal anzufangen, fehlt noch
jemand. Laßt uns nun also den heimlichen Hauptdarsteller
unserer lustigen Geschichte begrüßen, denkt euch jetzt einen
Tusch für den Capo di tutti capi:
Hubert Wulff.

Sein und mein Leben waren auf gewisse Art undWeise miteinander
verknüpft, das wurde mir rückblickend klar, und
das, obwohl ich seine Bedeutung hierfür jahrelang völlig
falsch eingeschätzt hatte. Doch dann kam der Augenblick, in
dem sich unsere Wege endgültig kreuzten und der uns zusammenführte,
ironischerweise an jenem kalten Januartag,
an dem er sich zum letzten Mal im Dorf zeigte.
Damals, es war ein knappes halbes Jahr vor dem Ende meiner
Ausbildung zum Altenpfleger, wohnte ich noch bei meinen
Eltern, bevor ich im Sommer des gleichen Jahres im Dorf
eine Zweizimmerwohnung bezog.
»Sieh mal an, der alte Wulff ist auch wieder unterwegs«,
sagte mein Vater, sich von seinem Nachmittagskaffee am Küchentisch
erhebend, mit Blick aus dem Fenster.
Auch ich sah hinaus. Hubert Wulff auf seinem täglichen
Spaziergang, schon seit Jahren um die gleiche Uhrzeit, und
immer dieselbe Strecke. Der König besichtigte sein Reich.
Doch an diesem Tag war irgendwas anders. Seit meiner frühesten
Kindheit hatte ich den alten Bastard fast täglich hier
entlanglaufen sehen; doch an diesem trüben Nachmittag
übte der Anblick eine seltsame Faszination auf mich aus, und
seine Präsenz erschien mir übermächtig. Vielleicht spürte ich
auch bereits instinktiv, daß dies sein letzter öffentlicher Auftritt sein würde.

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