Im Frühjahr 1969 fuhren meine Freundin Heidi und
ich nach Marrakesch. Ich hatte meine psychische
Gesundheit durch zu viel LSD ziemlich ruiniert
und hoffte, in Marokko Frieden zu finden und mich
zu regenerieren. Von dieser Reise handeln diese
Gedichte. Inspiriert wurden sie durch Florian
Vetsch und seine Frau Bouchra, die aus Marokko
stammt. Ihre Liebe zu Tanger eint uns.

Frankfurt, Frühling 2010

 

Offenbarung

Die fetten Schlangen drangen aus mir,
Wanden sich um mich, feist, böse,
„Keine Angst mehr“, rief ich und zog
Mir das Hemd aus, aber den Schlangen
Machte das nichts aus, sie wucherten
Weiter, ich rief erneut etwas, vielleicht
„Keine Verzweiflung mehr“, oder so,
Es nutzte nichts, ich zog mir die Hose
Aus, Heidi starrte geradeaus, der
Trip, den ich am Morgen in Chechaouen
Geschmissen hatte, wurde immer stärker,
Bis ich es nicht mehr aushielt,
„Halt das Auto an“, schrie ich, Heidi
Fuhr stur geradeaus, „Halt an!“, brüllte
Ich, und dann gab sie nach, vielleicht
Hatte ich ins Lenkrad gegriffen,
Ich riss den Wagenschlag auf, riss mir
Die letzten Fetzen Stoff vom Leib,
Nur das Rosenkreuz, die Kette mit dem
Bild des Gekreuzigten, behielt ich an,
Und dann rannte ich davon,
Hinein in die Steppe, egal wohin,
Nur weg, nur weg, irgendwann drehte
Ich mich um, als Heidi in der Ferne schrie,
„Ich liebe Dich“, und dann kam eine
Kraft über mich, ich fand mich wie fest-
Gewurzelt, mein Kopf wand sich, bis
Ich in den strahlend, friedlich blauen
Himmel schaute, und plötzlich brachen
Aus meinem Herzen Worte, ein Gebet:
„Oh Allah, bitte reinige mich!“,
Rief ich in den Himmel, und siehe, ich
Wurde besänftigt, eine Ruhe kam über
Mich, jenseits eines Hügels erklang
Eine Flötenstimme, und ich trottete den
Langen Weg zurück zum Opel Blitz,
Und Heidi ließ den Wagen an, ich zog
Mir meine Kleider wieder über,
Und wortlos fuhren wir nach Marrakesch.

 

Die andere Seite

Ich hatte mir den Körper mit
Acid vollgepumpt, den Kopf
Zugekifft, bis die Gedanken schief
Gingen, und nun hockte ich in
Einer spinnverwebten Ecke meines
Schädels und wusste nicht mehr
Aus noch ein, nur,
Dass ich auf die andere Seite
Kommen müsste, was immer sie sei,
Das war mir klar, während die
Sonne auf das Auto prallte und
Uns die Zunge zu verdorren drohte,
Schließlich hielt Heidi den
Wagen an, war da nicht so etwas
Wie Meer in der Gegend? Sie
Zog sich den Badeanzug an, ließ
Mich in meiner Verworrenheit
Zurück, und ich starrte auf die
Gesteinsbrocken am Straßenrand,
Bis sie erfrischt zurückkehrte,
Schau, sagte ich, auf einem
Stein stehend, vor mir eine Kuhle,
Dahinter ein anderer Stein,
Und ich tat so, als würde ich
Springen, zauderte, zögerte,
Die andere Seite war so fern,
Das schaffst du nie, sagte Heidi
Nüchtern, ich resignierte, nun
Hatte ich endgültig verloren,
Und ich trabte zu unserem
Opel Blitz, trostlos, trostlos.

 

Der Gipfel

Die tägliche Wanderung aus der Talsenke
Zum Gipfel, gradlinig wie eine Zeder,
Oder verschlungen wie eine Weinranke ist der Weg,
Qualvoll oder erholsam die Rast,
Oh Stolpern, das mich zurechtweist,
Oh Müdigkeit, die vor Überheblichkeit schützt,
Oh Lust, im Inneren unter der Spitze zu stehen,
Und sich vor dem Abstieg nicht zu fürchten,
Oh Ärger, wenn du ins Abseits gerätst,
Oder mogelst und so tust,
Als würdest du steigen,
Während du in Zweifel verharrst,
Wen willst oder kannst du betrügen?
Und das sehnsuchtsvolle Erwarten des nächsten Kusses,
Bewundernd den Krokus, den Hibiskus, das Couscous
Mit dem zarten Hammelfleisch, den Rosinen und
Mandelsplittern, daneben die warmen Tomatenscheiben,
Wir gürten uns, ziehen die Schuhe wieder an,
Ist da nicht ein Schimmer des Mondes in den Sonnen-
Strahlen, und in unseren Augen nicht ein
Sandkorn, das zur Perle reifen lässt?
Wie schön, rotes Wachs zu sein
In deiner Hand,
Wie sanft dein Haar,
Wenn ich mich krümme,
Um die spitzen Steine aus dem Weg zu räumen,
Du, barfuß und durch den Vorhang der Tränen schauend,
Ach, nicht Falke sein, nicht Phoenix,
Nicht Taube, nicht Rotkehlchen,
Nur Ohr, das das Echo in sich aufnimmt,
Das deine Sadschda in der Wüste auslöste.

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