Marock’n’Roll (von Peter Schütt)

Viele Wege führen nach Rom, und manche führen sogar darüber hinaus, weit darüber hinaus in die Wüste, bis nach Jerusalem, nach Marrakesch und Mekka oder bis nach Indien, nach Amritsa oder Poona. Einer der ersten postmodernen Orientreisenden war Paul Gerhard Hübsch, der sich nach seiner Rückkehr und Umkehr den Namen Hadayatullah gab, der von Allah Rechtgeleitete. Bezeichnend ist der Zeitpunkt dieser Pilgerfahrt: Frühjahr 1969, im Jahr danach, nach dem Überschwang, dem Rausch und der Ernüchterung der 68er Bewegung. Enttäuscht von den einschlägigen Erfahrungen in der Westberliner Kommune 1, vom Frankfurter Schulwesen und vom Misserfolg des eigenen Undergroundladens und gesundheitlich ruiniert durch allzu viel Hasch- und LSDkonsum machte sich der junge Dichter zusammen mit seiner Lebensgefährtin Heidi auf nach Marokko, um in der Einsamkeit und in der Wüste nach Heilung zu suchen.
Seine Suche blieb nicht vergeblich. Am Rande der Wüste, vor den Toren von Marrakesch, wird er von einer überirdischen Kraft gepackt. Sie öffnet ihm sein inneres Auge und zwingt ihm, zum Gebet niederzufallen: „Oh Allah, bitte reinige mich!“ Von dieser mystischen Erfahrung handeln die Gedichte von Hadayatullah Hübsch, denen er den treffenden Titel „Marock’n’Roll“ gegeben hat. Ein Hauch von Arthur Rimbaud liegt über diesen balladesken Versen. Sie sind von einer rimbaudschen Mischung aus Hasch, Weihrauch, Rausch, Wüstensand und innerer Erleuchtung geprägt. Allerdings kommen die Hübschen Elegien weniger berauscht und trunken daher als bei seiner französischen Lehrmeister. Das liegt nicht zuletzt am historischen Abstand. Der Autor war zwar, als er in die arabische Wüste aufbrach, kaum älter als Rimbaud auf seiner Jemenreise, aber er hat seine Gedichte aus großer zeitlicher Distanz geschrieben, vierzig Jahre später, als innerlich gereifter und fast schon weiser Alter.
Das Pathos des früh Erweckten und Bekehrten wird durch Selbstironie gefiltert. Hadayatullah Hübsch ist sich selbst historisch geworden, er kann seine marokkanischen Rock’n’Roll-Eskapaden einordnen in die Atmosphäre der frühen Siebzigerjahre, der Zeit der Hippies, der Flower Power und der Hare-Krishna-Jünger. Damals lag der Platz der Märchenerzähler in Marrakesch nicht aus der Welt, sondern war ein internationaler Treffpunkt der Rockmusiker, der Schwulen und der Outlaws aus Amerika und aus Westeuropa. Hübsch war mitten unter ihnen, aber Allah sei Dank ist er dort nicht stehen geblieben, er hat seine Lebensreise zielstrebig fortgesetzt – nicht in der Wüste, sondern in mitten in Deutschland, in Frankfurt.

Marock’n’Roll (Hanfjournal Ausgabe #118 | 05.10)

Der Ende September 2007 in Mainz von Miriam Spies gegründete gONZo verlag versteht sich als Nischen- und Undergroundverlag, steht für subkulturelle Bücher und Veranstaltungen und ist als Schnittstelle und Treffpunkt gedacht, an dem Literatur nicht nur verlegt wird, sondern Raum zum Entstehen hat. Über die erste Publikation „Acid, Mao und I Ging“ habe ich euch ja bereits im September 2008 berichtet. Ende 2008 erschien die Literaturzeitschrift „Der Taschentiger“, die junge Autoren aus ganz Deutschland vereint, und nun gibt es einen lesenswerten Lyrik-Band mit 25 abgedrehten Beatgedichten und sechs Acid-Collagen. „Im Frühjahr 1969 fuhren meine Freundin Heidi und ich nach Marrakesch. Ich hatte meine psychische Gesundheit durch zu viel LSD ziemlich ruiniert und hoffte, in Marokko Frieden zu finden und mich zu regenerieren.“ Von dieser Reise handeln diese Gedichte. In einer schönen Bildersprache wird hier sehr detailverliebt von interessanten Alltagserlebnissen erzählt, so dass man quasi per Kopfkino vieles nachempfinden kann. Man fährt über die einsamen Landstrassen Marokkos oder läuft über einen Basar und bekommt hier und da richtig Appetit auf Baguette und den Lachenden Kuhkäse, während man im Hintergrund die Bongo-Trommeln hört und die friedliche Sonne Marokkos langsam untergeht. Man fragt sich, was Freundschaft auf Arabisch heisst und taucht für 64 kurzweilige Seiten ein in das kulturelle Leben zwischen Chefchaouen, Tanger und Marrakesch. – Bereits 1969 der Glaubensgemeinschaft Ahmadiyya Muslim Jamaat beigetreten, befasste sich der seit langem in Frankfurt a.M. lebende Hadayatullah Hübsch in seinen Büchern und Artikeln auch stets mit dem Islam. Er veröffentlichte unzählige Bücher, Essays, Hörspiele, ungezählte Beiträge in prominenten Tageszeitungen, Zeitschriften und Anthologien, mehr als 100 Printpublikationen, diverse CDs – und nun „Marock’n’Roll“ („… meine Gedichte gleiten über deine Straßen.“). Vor allem diese Texte unter dem Label „Beat-Literatur” sind geprägt von Sprachspiel und -rhythmus, die man in dieser Form nur selten bei deutschen Lyrikern findet.

Marock’n’Roll (von Anne Engelhardt)

Pünktlich zur Leipziger Buchmesse im März 2010 ist die sechste Publikation des Mainzer gONZo Verlags erschienen. Marock’n’Roll ist ein 64-seitiger Gedichtband von Hadayatullah Hübsch in dem es um eine Reise durch Marokko geht.
„Im Frühjahr 1969 fuhren meine Freundin Heidi und ich nach Marrakesch. Ich hatte meine psychische Gesundheit durch zu viel LSD ziemlich ruiniert und hoffte, in Marokko Frieden zu finden und mich zu
regenerieren.“ Von dieser Reise handeln diese Gedichte. Zunächst einmal die Beschreibung „Beatgedichte“ gibt
einige Rätsel auf. Was sind Beatgedichte? Auch der Inhalt der Gedichte ist auch nicht auf Anhieb zu verstehen. Wenn man sich allerdings von der metaphorischen Sprache leiten lässt, dringt man in der Welt des Autors an. Geschrieben wurde der Gedichtband in der Ich-Erzählform, und, was wohl als erstes auffällt, ohne Reimschema. Der Protagonist befindet sich mit seiner Freundin und einem „vergammelten“ Opel Blitz auf Tramping-Tour „auf der Suche nach Kicks und Wiederbelebung“. Beschrieben werden neben Begegnungen mit Einheimischen unter
anderem Auswirkungen der LSD-Trips des Erzählers. Nachdem die beiden Abenteuerlustigen die Stadt Chechaouen hinter sich gelassen haben, steuern sie ihr eigentliches Ziel, Marrakesch, an, wo sie mit Baguette und „lachendem Kuhkäse“ durch die Nacht schlendern. Immer wieder gibt es Passagen, die den inneren, psychisch angeschlagenen Zustand des Protagonisten zeigen, der jedoch ein Auge für viele Details. Besonders ausgeprägt ist dabei sein optischer Analysator sowie der Geruchssinn.
Marock’n’Roll ist allein schon durch das ungewöhnliche Format (16,8 x 24 cm) kein Mainstream-Buch. Mainstream würde aber der 2007 von Miriam Spieß gegründete gONZo Verlag, der sich auf subkulturelle Literatur spezialisiert hat, auch nicht veröffentlichen Die wunderbar nachzuempfindende Sprache, gelegentlich gespickt mit Anglizismen, die ausgeprägten Details und die passenden Collagen machen den Lyrikband des 1956 geborenen Autors zu einem einzigartigen, lesenswerten Werk.
Mit diesem Gedichtband gelingt dem „Mainzer-Mini-Verlag“ ein Volltreffer!

Rock’n’Roll-Pilger (von: mojiques)

In seinem aktuellen Gedichtband besinnt sich Hadayatullah Hübsch, der Nestor der deutschen Beat-Poetry, auf eine Zeit in seinem Leben, die diesem eine entscheidende neue Richtung verliehen hat. Im Jahr 1969 begibt er sich, von LSD an Leib und Seele zerrüttet, auf eine Reise nach Marokko. Dort widerfährt ihm in der Unwegsamkeit völlig unvorbereitet, dass aus seinem tiefsten Inneren ein Flehen emporsteigt, Allah möge seine Seele reinigen, ohne dass er sich je zuvor mit dem Islam beschäftigt hätte. Wenn Hübsch nun nach über 40 Jahren auf sein Annus mirabilis zurückblickt, spürt man noch immer sein Staunen über das, was gewesen und wie es gekommen ist. Wahrscheinlich braucht man für derart intensive Erlebnisse soviel Abstand, um sich ihnen vorsichtig nähern zu können.
Die Sprache, in der die Gedichte gegossen sind, lässt erkennen, dass Worte für Hübsch Freunde sind, keine Gegner. Er zwingt sie nicht in feste Reime, es gibt auch kein Rap- oder Hip-Hop-Stakkato, wie man es vielleicht noch von seinen legendären Batschkapp-Gedichten kennt, nein, es ist eher ein Wiegen und Rollen in Marokko, Marock’n’Roll, der Buchtitel führt keineswegs in die Irre. Lange Beatpoeme pulsieren im Atemrhythmus:

Die weißen Wände von Chechaouen,
In die Abenddämmerung getaucht,
Und wir mit unserem Opel Blitz
Auf der Suche nach Kicks und Wieder-
Belebung, in der luftigen Höhle
Amerikanischer Hippies eingekehrt,
Den Kopf zugeballert,
Gedanken in der Luft laut geworden,
Und zu „A man loves a woman“
Aus dem Labyrinth in die elende Nacht,
Das Grauen im heißen Hotel,
Der Leib eine Hölle,
Die Seele ein Fetzen,
Und dann auf nüchternen Magen einen
Trip, mit Pfefferminztee runtergespült, (…)

Auch wenn es überraschend klingen sollte: Diese Gedichte haben etwas Spirituelles, sie berichten in Wirklichkeit von einer Pilgerreise. Natürlich eher eine Pilgerreise, wie sie einst die Wanderderwische unternommen haben, und nicht dieses unsägliche Jakobsweg-Gequäle, das einem in den letzten Jahren en masse in Buchform zugemutet wird. Bei Hübsch steht nicht der Stolz auf die vermeintliche Läuterung im Vordergrund, vielmehr klingt überall der tiefe Schmerz durch, der den Pilger erst zur Suche treibt. Das abschließende Gedicht “Gipfel“ beschreibt dann auch weniger einen Gipfelsturm, sondern lässt einen langen stetigen, von Rückschlägen gezeichneten Aufstieg erahnen.
Der Gonzo-Verlag hat diesen Gedichtband ansprechend gestaltet und mit atmosphärisch passenden psychedelischen Collagen illustriert.

Marock’n’Roll (Medienspiegel der Deutsch-Maghrebinischen Gesellschaft Juni 2010)

1969 im Opel Blitz durch Marokko, davon erzählen die Gedichte des Frankfurter Imams, der damals noch den Vornamen Paul-Gerhard trug. Linker 68er und Hippie, machte er mit Freundin Heidi eine Reise wie viele damals. Man ernährte sich hauptsächlich von Cola, Baguette und Schmelzkäse, man hörte bekifft Songs wie „When a man loves a woman“ oder „No milk to-day“. Man trommelte und malte psychedelische Bilder. All dem gibt der Autor eine poetische Form in erzählenden reimlosen Gedichten. Vielleicht lag es auch an dieser Reise, dass er noch im gleichen Jahr zum Islam konvertierte. Wer auch als Hippie in Marokko war oder diese Zeit nachfühlen möchte, wird an dem Büchlein Freude haben. Die letzten sechs Gedichte sind Flo-rian Vetsch gewidmet, was zur nächsten Veröffentlichung führt.

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HADAYATULLAH HÜBSCH: Marock’n’Roll – Beatgedichte

(Aus: The Spine, URL: http://www.the-spine.de/buecher/hadayatullah-h%C3%BCbsch-marock%E2%80%99nroll-%E2%80%93-beatgedichte)

„Marock’n’Roll“ von HADAYATULLAH HÜBSCH ist voller feiner Verse über eine berauschende Reise durch Marokko. So bunt das Farbenspiel Afrikas ist, so bunt sind auch die Zeilen HADAYATULLAHs. Ende der sechziger Jahre befuhr unser Beat-Autor mit seiner damaligen Freundin Heidi in einem Opel das Land der Oasen und der Wasserpfeifen. Viel Staub, viel Rauch und schön wirre Gedanken sind dabei heraus gekommen. HÜBSCH wollte auf dieser Reise seinen Geist kurieren und zur Ruhe kommen. Die entstandenen Gedichte strahlen aber nicht nur Frieden aus, vielmehr zeugen sie auch von großer Unrast. Viel Haschisch schien da im Spiel gewesen zu sein. Ein wenig erinnert das Geschriebene an die Berichterstattung eines CHARLES BAUDELAIRE über den Gebrauch der alten Assassiner-Droge. Teilfusion von Seele, Land, Leute, Religion und sogar das Aufbegehren gegen Gewohnheit, Liebe und Normativität wird in den Gedichten verwertet. Das Büchlein zeigt uns den Ansatz die 68er Zeit aus einem neuen, anderen Blickwinkel – durch einen Schleier des Sandsturms, wie man ihn nur in einer Wüste findet. So bieten sich durch Eigeninterpretationen, die Augen nicht wahrnehmen können, neue Ansätze, um das Land Marokko zu erfassen. So entstand ein ruhiger Gedichtband mit wirklich schönen Collagen, die ihren ganz eigenen Charme versprühen und das Erlebte HÜBSCHs nur noch unterstreichen können.
Fazit: Wüstenfarben und Fahrtwind im Gesicht: Die vorherrschenden Eindrücke täuschen nicht über die Tiefe der Worte hinweg, die auch noch Stunden nach dem Konsum nachhallen.

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