MICHAEL GEISSLER, MIRIAM SPIESS (Hrsg.): Acid, Mao Und I Ging – Erinnerungen Eines Berliner Haschrebellen

(Aus: The Spine, URL: http://www.the-spine.de/buecher/michael-geissler-miriam-spiess-hrsg-acid-mao-und-i-ging-erinnerungen-eines-berliner-haschreb)

„Never trust a hippie“ steht auf einem T-Shirt, das mein Mann im Schrank liegen hat und bei den unmöglichsten Gelegenheiten trägt. Ich glaube, das hat er irgendwann mal seinem besten Kumpel abgeluchst oder es gegen eines von seinen getauscht. Bei „Acid, Mao Und I Ging – Erinnerungen Eines Berliner Haschrebellen“ passt der Spruch jedenfalls wie die Faust auf’s Auge, denn was der Leser davon für bare Münze nehmen kann, darf oder soll legt Autor MICHAEL GEISSLER von Anfang an in dessen Hände. Er legt ihm aber vor allem eines in die Hände: sein Vermächtnis, seine Lebensgeschichte. Denn dessen Veröffentlichung im eigens dafür gegründeten Gonzo-Verlag durfte der bekannte Videokünstler, Lebenskünstler, Haschrebell und Gründer der VAM-Future-Kids selbst nicht mehr erleben.
Wir sollen ihm kein Wort glauben, uns aus seinen Erzählungen über sein Leben nehmen, was wir brauchen können und den Rest einfach vergessen. Dieser Rest war dann wohl nicht für uns bestimmt. Sehr hippie eben. Warum sollte sich also ein Goth für dieses Buch interessieren? Nun, es gibt mehrere Gründe, aber der wichtigste ist wohl der: Meine Güte, kann der Mann Geschichten erzählen. Ob oder wie wahr sie am Ende sind, spielt dabei eigentlich keine so erhebliche Rolle mehr. Wir dürfen uns einfach zurücklehnen, den Autor erzählen lassen und träumen. Uns mitnehmen lassen auf seine Reisen, bei denen die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traumwelt ineinander übergehen. Manches wollen wir dabei zu gerne glauben, bei Anderem wiederum lieber gar nicht zu Mitwissern werden, aber ab einem bestimmten Punkt können wir uns das nicht mehr aussuchen. Wir sind der Spinne doch ohnehin schon ins Netz gegangen und nun spinnt sie ihr schillerendes Netz um uns. Auf LSD doch nach wissenschaftlichen Erkenntnissen ja umso feiner… Dass mancher Traum dabei auch mal zu einem Albtraum werden kann, liegt in der Natur der Sache. Wissen wir doch auch nie, wenn wir einschlafen, was wir träumen werden.
Als ein Kind der harten Nachkriegsjahre lässt sich nachvollziehen, warum der Autor nach einem „life to the full“ lechzte, sich dann so viele Träume wie möglich erfüllte, seinen Hexenmeister und den Sinn des Daseins suchte und warum er dann im Wissen um den nahenden Tod alles aufschreibt. Traumatisiert waren wohl viele, die wenigsten aber haben aus den Traumata Träume gemacht und gelebt. Es gab also noch viel anderes in Deutschland um 1968 als Ulrike Meinhof, Rudi Dutschke und Konsorten und denen gegenüber ein Spießbügertum, das mit seiner eigenen Vergangenheit nicht klarkam. Es gab offenbar Kinder der Zukunft, die in diesen Jahren die beste Zeit ihres Lebens lebten, mit dem Unterschied, dass MICHAEL GEISSLER damit wohl nie ganz aufgehört hat.
An dieser Stelle auch nur eine seiner spleenig-schrullig-flapsig erzählten Geschichten vorwegzunehmen wäre unfair, denn darauf muss sich der Leser einlassen. Tut er das und lässt sich dabei nicht vom enormen Ego des Autors abschrecken, stößt er mitunter auf sehr erkenntnisreiche und teils überraschend bodenständige Ansichten. Und es erwarten ihnen Geschichten, die ihm Schauer über die Haut jagen, mal aus Vergnügen, mal aus Grauen.
Und wie sagte RUBEN STILLER in der letzten Ausgabe des Presseclubs hier im finnischen Fernsehen so treffend: „Nichts ist unbedingt wahr. Eine gute Geschichte siegt in dieser Welt immer über die Wahrheit.“ Und dann wünscht er allen immer Seelenfrieden. In diesem Sinne mielirauha kaikille.

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Kurioses aus den Aufzeichnungen eines Haschrebellen

(Aus: Tiefe.de, URL: http://www.tiefe.de/rez_geissler-haschrebell.html)

Wer in den 60ern dabei war und sich noch an irgendetwas erinnern kann, was tatsächlich passiert ist, der war angeblich nicht wirklich dabei und war wahrscheinlich nicht richtig high. Der 2003 verstorbene Berliner Haschrebell Michael Geißler war definitiv dabei. Seine jetzt posthum veröffentlichten an Münchhausen und Castaneda erinnernden irrwitzigen Kifferstories, Trips zu hirnspeisenden serienmordenden Gurus, steinalten Arsenikessern, mit von Meskalin erleuchteten Terroristen, durchgeknallten Makaken, auf Satanistenärsche niederfahrenden Kugelblitzen, Elfentänzen und dergleichen, geben einen immerhin amüsanten Einblick in die ausufernde Phantasiewelt und Denke eines schelmischen Extremisten einer bizarren Szene von mehr oder weniger sympathischen SpinnerInnen einer Zeit, in der Alles möglich schien – Klolektüre.

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Acid, Mao und I Ging

(von Roland Grieshammer)

Der 2003 verstorbene Video-Pionier Michael Geißler hat seine Erinnerungen zu Papier gebracht, und der extra dafür von Miriam Spies gegründete Gonzo-Verlag hat sie nun unter Mithilfe von Melanie Zöllner, mit einem Vorwort von Werner Pieper und einem Nachwort von Peter Pannke gedruckt. Michael Geißler, 1942 in Berlin geboren, war ein Linker innerhalb der 68er Bewegung, Weltreisender, 1. Vorsitzender des Zentralrats der umherschweifenden Haschrebellen („Ein Gag – wir waren alle erste Vorsitzende!“), Revoluzzer, Magier, Mystiker, Geschichtenerzähler, Lebenskünstler und Visionär. Auf der Suche nach alternativen Lebensformen lebte er in Kommunen in Berlin, Sardinien und an anderen Orten und engagierte sich bei sozialen Projekten wie der Gründung von alternativen Kinderläden. Gemeinsam mit den V.A.M.-Future-Kids, eine der ersten alternativen Mediengruppen in Deutschland, produzierte er seit 1969 rund 370 dokumentarisch-spielerische Videoarbeiten, die heute im ZKM in Karlsruhe aufbewahrt werden. In diesem prosaischen Zeitgeist-Portrait stehen Geschichte und Geschichten untrennbar nebeneinander. Ohne dabei zu glorifizieren berichtet er – mal nachdenklich, mal selbstironisch, mal nostalgisch – mit seiner Berliner Schnauze vom Leben in Kommunen, der Arbeit der Kinderläden, ersten Drogenerfahrungen, Politaktionen und der sexuellen Revolution, von Knasterfahrungen, (Spaziergänger-)Demonstrationen, der ersten LSD-Küche Berlins und von langen Reisen nach Indien, Italien und zu sich selbst. Seine frivol-psychedelischen Erzählungen lassen einen oft zugleich verständnisvoll schaudern und hysterisch lachen, allerdings mag ich seine politisch-unkorrekten Ausreisser und dieses frauen- bzw. schwulenfeindliche 68er Männergeschwätz von „freier Liebe“ überhaupt nicht, vor allem wenn man sich selbst als „Feminist“ bezeichnet, während andere ihn „Porno-Geißler“ nannten. Nicht nur in dieser Hinsicht schien der Mann auf dem Stand eines Sommers zwischen 1967 und 68 hängen geblieben zu sein. Und was dieses Buch mit Mao und I Ging zu tun hat, habe ich nicht begriffen, da Mao lediglich als Poster auf dem Kommuneklo erwähnt wird. Insgesamt aber ganz amüsante Zeitgeschichte …

(Aus: hanfjournal.de, URL: http://www.hanfjournal.de/hajo-website/artikel/2008/09september/s08_0908_berliner-haschrebellen.php, 08.09.08)

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Michael Geißler – Berliner Haschrebell

Michael Geißlers Lebenserinnerungen „Acid, Mao und I Ging“  (Von Kay Ziegenbalg, Die Berliner Literaturkritik)

Michael Geißler war ein Berliner Haschrebell. „Wir haben nicht das Bruttosozialprodukt gesteigert. Aber wir haben uns selbst bereichert. Und wir haben dabei niemandem geschadet!“ „Acid, Mao und I Ging“ ist die erste Veröffentlichung des Mainzer Gonzo Verlags, der sich als „inoffizieller Verlag für eine bessere Welt“ vorstellt und mit der Note „inoffiziell“ einen hilfreichen Fingerzeig auf den ersten Titel macht.

Zwischen dem Fachchinesisch der Dutschke-Tagebücher und dem trockenen Bericht á la zurückgelehnte Autobiografie schreibt sich Geißler durch seine Lebenserinnerungen, die nicht gänzlich seinem Leben entsprechen können ob der Magie, die sich in Form ominöser Gurus, Pechspiegel-Sitzungen, LSD-Küchen und der konsumgütergestützten sexuellen Befreiung (Wasserbett) breit macht. Ganz wenig Mao und genug Acid fürs I Ging erwarten den Leser, der sich allerdings wappnen sollte für ein kumpelhaftes Du. Denn hier erzählt der Onkel, wie das damals so war – was sich Nachgeborene ja ohnehin nicht vorstellen können. Der Tonfall ist demnach freundlich und mit dem übersetzten Timothy Leary oder Burroughs’ Junkie („Zufällig hatte ich einige Unzen Marihuana zu Hause.“) verwandt. Freunde dieses Metiers werden Gefallen an den lakonisch berichtenden Passagen des Buches haben. Politische Mitteilungen stehen nicht im Vordergrund.

Geißler erzählt und erzählt…und konzentriert sich nicht auf das Geschehene, keine Wahrheit, sondern das wörtlich Erinnerte. „Und glaub auch mir kein Wort“ mahnt er ebenso an wie „bei der Wahrheit zu bleiben (…) ist meine feste Absicht.“ Genau das war zu erwarten. Letztlich wirkt das sehr konstruiert und mindestens halbfiktional. Aber Geißler trifft einen wahren Kern, wenn er sagt: „Selbst die Geschichte der 60er und 70er Jahre setzt sich doch nur zusammen aus all den Geschichten derer, die diese Zeit erlebt haben.“

Im Kindesalter ereilt ihn kurz nach Ende des 2. Weltkriegs die erste Vision. Er würde alle Tiere aus dem Zoologischen Garten befreien. Dieses Kapitel steht—profan betrachtet—als Initialerlebnis für die Hinwendung zu den Hippies. Ganz gleich, ob Floß oder Wasserbett: „Klamotten brauchte ich eh nicht, Geld kaum.“ Was folgt, ist eine konsequente Auseinandersetzung mit glorreichen Klischees über die freie Liebe, Drogen, die besondere Achtung gegenüber Mitmenschen und dem kurvigen Weg zur Selbsterkenntnis. Bleibt zu sagen: Don’t do this at home, kids!

Falls etwas überhaupt nicht nötig gewesen wäre, dann ist es Geißlers über alle Maßen prophetisches Fazit, dass eigentlich gänzlich hier zitiert werden müsste. Das ist schlimmer als die betont fetzigen Texte, die stets auf den Hüllen von Frank Schöbels Kinder – LPs auftauchten. Tragisch ist dabei, dass Geißler am Ende Opfer einer selbsterfüllenden Prophezeiung wurde: „Du bist aus einer anderen Generation und empfindest die gesellschaftliche Kälte (…) gar nicht so.“ Na, wenn wir das gleich gewusst hätten…

(Aus: Berliner Literaturkritik, URL: http://www.berlinerliteraturkritik.de/detailseite/artikel/michael-geisler-der-berliner-haschrebell.html, 08.06.09)

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Acid, Mao und I Ging – Archäologie des Guten

(von Achmed Khammas am 02.08.08)

Unter dem Titel ‚Acid, Mao und I Ging’ erschienen im eigens dafür gegründeten Gonzo-Verlag vor kurzem die Erinnerungen des leider schon 2003 verstorbenen Berliner Hasch-Rebellen, Video-Pioniers und Titten-Liebhabers Michael Geißler.

Seine frivol-psychedelischen Erzählungen über Dinge wie die erste LSD-Küche Berlins, den fast ununterbrochenen Konsum aller Arten von Rauschmitteln (darunter einige, die selbst TAZ-Lesern unbekannt sein dürften!!), seine weltweite Suche nach Gurus und Heiligen sowie die höchst lehrreichen Berichte über Demos, Razzien und Knastaufenthalte lassen einen oft zugleich verständnisvoll schaudern und hysterisch lachen – und sind wesentlich authentischer als alles, was bislang unter dem Motto ‚40 Jahre nach 1968’ erschienen ist.

Denn genau so war es damals… die Bräute waren wunderschön, allzeit bereit und hatten meist sogar ein kleines Turnpiece in der Tasche. Wen wundert es also, daß die ‚Men’-schheit sich nach dem Paradies zurücksehnt?!

(Aus: blogs.taz.de, URL: http://blogs.taz.de/datenscheich/2008/08/02/acid_mao_und_i_ging/)

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Gonzos Haschrebellendebut

(von Ingo Bartsch)

Erstaunlich, wieviele 68er sich noch an 1968 erinnern können. Viele von ihnen erzählen im Fernsehen davon, andere schreiben ein Buch. Ob auch wir dereinst über das wilde Jahr 2008 schreiben werden? („Wir waren zu allem bereit. Wir tranken V+ Lemon und schrieben ,BA/MA-Umstellung sucks’ auf  Klowände.“) Wie auch immer. „Erinnerungen eines Berliner Haschrebellen“ werden es nicht sein. Die gibt es aktuell aus dem Hause Gonzo. Es ist das erste Buch überhaupt, das der junge Verlag, gegründet von der jungen Mainzerin Miriam Spies, publiziert. Autor Michael Geißlers saloppe Schreibe liest sich angenehm, die überwiegend kurzen Sätze sind authentisch  anekdotenhaft – was daran liegen könnte, dass Geißler nicht als pseudoambitioniertes Poetenprodukt der Postmoderne betrachtet werden darf, sondern als Sachbuchautor, der seinen autobiografischen Stoff auf ungezwungene Weise transportiert. Gibt’s am 12. Juli übrigens live im Pengland.

(Aus der STUZ #103 vom Juli 2008)


					
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