Tiger im Tank

(Von Eva Szulkowski)

Das nennt man wohl Frauenpower: Miriam Spies managt einen Verlag,
organisiert das erste Mainzer Literaturfestival und bändigt neuerdings sogar
Taschentiger. Und das auf eigene Faust.

Miriam Spies wirkt wie jemand, bei dem die Zeit für ein kühles Bier und einen gemütlichen Plausch immer drin ist, selbst wenn sie ganz im Alleingang mitten in der Organisation eines ausgewachsenen Literaturfestivals steckt und nebenbei noch zahlreiche andere Baustellen in Betrieb halten muss. So vor allem den „gONZo“-Verlag, den sie im September 2007 ins Leben rief. Ihr leicht verpeiltes, aber höchst sympathisches Ein-Frau-Unternehmen wird der Lebensphilosophie der Literaturgattung „Gonzo“, die vom Chaosjournalisten Hunter S. Thompson gegründet wurde und zum Verlagsnamen inspirierte, durchaus gerecht.

Miriam Spies’ persönlicher Hunter Thompson, mit dem alles irgendwie anfing, ist der Berliner Filmemacher und Haschrebell Michael Geißler, den die Ex-Germanistikstudentin in Berlin kennenlernte.  „Am Anfang war der Typ echt gruselig: ein Indianer-Magier mit Tipi und Totenköpfen in der Wohnung“, erzählt sie. Ihr Interesse für Geißlers Vergangenheit als 68er-Abenteurer zwischen Drogentrips und Indienreisen und ein für eine zukünftige Grande Dame des Gonzo wohl unverzichtbares Faible für „Typen“ führte dazu, dass sich Miriam der Mammutaufgabe annahm, Geißlers Memoiren in Form zu bringen. „Acht dicke Ordner voller Fragmente, mitten in der Nacht auf Meskalin geschrieben – ganz oft dachte ich bloß: Häh?!“ Davon ließ sich die heute 26-Jährige aber nicht unterkriegen. „Acid, Mao und I Ging – Erinnerungen eines Haschrebellen“ heißt das fertige Produkt. Um es zu veröffentlichen, gründete sie schließlich nach einigen erfolglosen Verlagsbesuchen einfach selbst einen Verlag. Michael Geißler starb ein halbes Jahr vor Fertigstellung des Werkes. „Es kam recht abrupt, es ist sehr schade, dass ich ihm die fertige Version nicht mehr zeigen konnte“, bedauert Miriam. Jetzt ist „gONZo“ einmal da und dank zahlreicher Projekte, Veranstaltungen und innovativer, lebendiger Literaturförderung aus dem Mainzer Kulturuntergrund nicht mehr wegzudenken.

Das neue Gonzo-Kind ist die etwas andere Literaturzeitschrift  „Taschentiger“, mit der man „weg vom Hippie-Drogen-Image“ hin zu neuen Ufern aufbricht. Schräge Kurzgeschichten, tiefe Gedichte, unangepasste Literatur aus Berlin, Mainz und sonstwo stecken in dem kleinen Tiger in praktischem Taschenbuchformat. Von nachdenklich bis extrem und grell sind hier zahlreiche Facetten literarischen Wahnsinns abgedeckt. Der nächste Tiger soll im Sommer erscheinen, sein ganz grobes Motto: „Recht auf Arbeitslosigkeit.“ Wer rein will, schreibt Mails an Miriam. Die beantwortet sogar Post von „Muddis mit Rheinidyllelyrik“, weil sie irgendwie doch vielleicht zu lieb ist. Auch das Literaturfestival organisiert sie nicht in erster Linie zum Selbstzweck. „Eigentlich mache ich das bloß den Leuten zuliebe, denen ich nach diversen Tauschgeschäften zwecks Geldmangels noch was schulde und die unbedingt mal in Mainz lesen wollen.“ So wird das ja nie was mit dem großen Geschäft. Oder vielleicht grade drum? Immerhin bestätigt die Ausnahme doch die Regel. Und überhaupt: Als hätte sich Thompson um Regeln geschert.

(Aus der STUZ # 111 vom April 2009)

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Taschentiger Literaturzeitschrift

(von Tobias Roth)

Zeitschrift No. 5978 und nicht zuviel

Das Editorial der neuen LiteraturzeitschriftTaschentiger, die vom Gonzo Verlag Mainz herausgebracht wird, sagt es mit wunderbarer Deutlichkeit: Besteht die Notwendigkeit einer neuen Literatur­zeitschrift? Natürlich nicht. Ist diese Recht­fertigungen eintreibende Frage aber überhaupt von Belang? Ebensowenig. Die Mainzer Verlegerin Miriam Spies besinnt sich in diesem Punkt auf mit großer editorisch-literarischer Ehrlichkeit: Wir sind reiner Luxus. Punkt. Diese feine, luxuriöse Konzept bedeutet nun aber nicht, dass derTaschentiger nur von Leuten gelesen werden kann, die die verbleibende Lektürezeit auf einer Breguet ablesen, dass er brillant auf foliantenformatiges Photopapier gedruckt ist, und man den neuesten Flash­player herunter­laden muss, um das Druckerzeugnis überhaupt aufblättern zu können. Ganz im Gegenteil hat sich der Taschentiger pur in den Dienst des Nobelartikels Text gestellt, und kommt recht spartanisch daher. Das Schriftbild ist schlicht, und kokettiert nur in Fußzeilen und Über­schriften mit der Schreibmaschine, das Papier ist weiß und in Schwarz wurde gedruckt, auf den 130 Seiten finden sich, von (Eigen-)Werbung abgesehen, nicht mehr als vier Illustra­tionen, und auch dabei ist die Abbildung des Vor­satzblattes schon mitgezählt.

Die seitenstarke Zählung ergibt sich aus der markantesten Äußer­lichkeit des neuen Periodikums, bzw. (ich folge der Selbstbeschreibung) Anti­perio­dikums. Mit einem Wort: Ein Taschentiger hat die Abmessungen eines Reclamheftes, er liegt in der Hand wie die Kreisleriana; die Seiten sind nur wenige Millimeter breiter. Und nun wird man der Herausgeberin mit gebotenem Respekt widersprechen dürfen: so etwas war durchaus nötig. Eine Zeitschrift, die sich geradezu puristisch des Texttransportes annimmt, und dem jungen urbanen Publikum mit urbanem Text und Pragmatismus entgegenkommt: ein Format für U-Bahnen, für die kleinsten Fächer des Rucksacks, ein Tiger in sämtlichen Taschen, ein Büchlein, das sich konzentriert wie ein Riegel oder Schlagbolzen.

Damit endlich zu den Ingredienzien und Inhalten der Nr.1. Der Taschentigerversammelt Texte von noch weitgehend unbekannten Autoren, was allerdings nicht heißen soll, dass noch niemand etwas von ihnen gehört hat, oder man auf hiesiger Homepage nicht fündig wird. In dieser ersten Nummer sind Tom Bresemann, Niklas Hughes, Thomas Jacobs, Dominic Memmel, Ron Mertiny, Holger Sasum, Benjamin Schaefer, Clemens Schittko, Dominik Schönecker, Lutz Steinbrück, Bernd Ternes, Kathrin Weßling und Andreas Wagner zu Gange. Dem Ein-Wort-Motto des Gonzo Verlages getreu geht es hier mehr um Erlebtes, um Sprache, die sich auch sprechen lässt, um Boden unter den Füßen, im Großen und Ganzen mehr als um vertrackte Sprachkristalle; auch wenn einige der abgedruckten Gedichte durchaus mit dieser Sphäre liebäugeln. Im Taschentiger finden sich so ein Bericht von einer Frankfurter Kulturmesse, oder was eine hätte werden sollen, eine Musikreportage in verschiedenen Zeitzonen zu Rio Reiser, Erzählungen, in denen gereist, Zeit verbraucht, ge- und entliebt wird, Betrachtungen von Thomas Jacobs zu Zufall und Chaos, und eine scharf­sinnige Analyse desDschungelcamps von Bernd Ternes, um die bunte Mischung nur anzuschneiden. Dem Taschentiger angeheftet ist eine kleine CD mit zwanzigminütigem Akustikbonusprogramm: gelesene oder zum klang­unter­malten Hörspiel erweiterte Texte und Musik, moderiert von der Herausgeberin Miriam Spies.

Die schon angesprochene Bewegung durch den urbanen Raum kann vielleicht als das natürliche Biotop dieser bunten Mischung angesprochen werden, wozu auch die Länge der Texte stimmt: aber die Qualität der einzelnen Teile genügt auch dem „klassischen“ Lesen in einer bequemen und unbewegten Sitzgelegenheit. Ganz im Gegenteil wird man sich bei solcher stilleren Lektüre freuen, keine Halte­stellennamen mehr im Augenwinkel behalten zu müssen.

(Aus: http://www.poetenladen.de/tobias-roth-taschentiger.htm)

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