Auszug aus Peter Frömmigs Textbeitrag:

FREUNDSCHAFT UND AUSTAUSCH

LANGER JAHRE MIT HADAYATULLAH

 

 

Ein Freund zu sein erfordert viel,
Man selbst ist Start, er ist das Ziel, […]
Ein Freund zu sein, heißt sei die Brücken,
Die über Fehler führn und Lücken.

 

H.H.

 

Wie es begonnen hat, kann ich nicht mehr genau sagen. Aber es muss mit dem Gedichtband eines Paul Gerhard Hübsch zu tun gehabt haben, „mach was du willst“ war sein Titel. Auf der Rückseite des blutroten Umschlags ist ein Langhaariger mit Bart abgebildet, verschwommen im Hintergrund ein Mädchen und die Mütze eines halb angeschnittenen Polizisten. Ich stellte mir vor, dass hier einer durch die Staatsgewalt abgeführt wird.

 

Es war 1969, ich lebte damals in Salzburg. Der Titel „mach was du willst“ sprang mir aus allen Auslagen der Buchhandlungen entgegen. Und als ich mit einem gleichaltrigen, gleichjungen Freund zum Rundfunk ging, um in der Literaturabteilung wieder einmal Bücher zur Rezension abzuholen, lag „mach was du willst“ obenauf. Aber nicht ich erhielt diesen Band aus den Händen des Redaktionsleiters, sondern mein Begleiter, den ich als Rezensenten empfahl. Mir kamen nur ein paar Romane zu, die mich kaum interessierten. Der Freund, der aus Kärnten stammte, studierte, schrieb Gedichte und trug immer einen echten Geierknochen aus dem Gebirge, wie er behauptete, sowie eine Maultrommel am Lederbändchen um den Hals. Er hat nie ein Buch rezensiert, und als ich mir „mach was du willst“ von ihm ausleihen wollte, konnte er das Büchlein nicht mehr finden.

 

Ich kam irgendwie mit dem Autor schriftlich in Kontakt und rasch entwickelte sich ein reger Briefwechsel, eine Brieffreundschaft. Die Mitteilungen von Hübsch waren vorbehaltslos und anregend, so dass sich immer gleich die Lust einstellte, zu antworten. Es lagen bunte Grafiken zwischen den Seiten und manchmal schickte er die kunstvoll gestaltete, von ihm selbst herausgegebene Literaturzeitschrift „törn“ mit. Alle Briefe, die ich von dem Freund über die Jahrzehnte aus Frankfurt erhielt, auch während meiner Amerikazeit, besitze ich noch komplett. In einem der verschrammten Koffer, die in einem Speicherwinkel stehen, sind sie aufbewahrt. Darunter gewiss auch der, in dem er mir von seiner Konvertierung zum Islam berichtete und seinen neuen Namen bekannt gab: Hadayatullah.

[…]

 

Textbeitrag von Manfred Steinbrenner

Yellow Sunshine
(eine einstmals bekannte LSD-Marke)

Hab’ Blätter silbern gesehen
Decke des Zimmers als Tropfen auf Köpfe.
Bin geflogen, dritter Stock, viermannhoch
Howl singend, Kaddish für die Taube,
ihre Mörder im Wind.

Hab’ Vogelbeeren als Springflut der Stadt,
Antennen am Kreuz, mich selbst
zerplatzen sehen: schlingernde Wehen,
verhängt und verkannt als
Abbild der Brut voller Ekel.

Bin gerädert im Sumpf, Incence-Unschuld
beim Orgasmus gelandet,
uhrenverwerflich als Brücken
vom Jenseits zum Jetzt
Waren gelbrotgold Strahlen
aus Hirnen voll Einfalt, gottvollem Wunsch.

Bin gewandert
die Zeit statt der Himmel,
Drohung statt Versprechen,
Wasser statt Luft.

Hab’ gerochen Begierde am Schaltweg des Einen,
zweierlei Maß in der Tundra des Lichts.
Bin gekrochen in Flüssen, Algen im Tagtraum,
Anker im Trocknen und am Ende war:
nichts.

[ebenfalls erschienen in: Manfred Steinbrenner, „Vom Weißmachen des Umsonsten“, Norderstedt 2010, S. 48]

 

Textbeitrag von Monika Carbe

der zehnte derwisch spricht

wanderer kommst du nach ankara
verkündige dorten
DUR!

halt inne
hier liegen wir.
wie ihr es befahlt.

DUR! DURUN!
bleib, halt an,
bleibt stehn!

çanakkale, gallipoli,
und die schlacht bei vermondovillers
oder –

war krieg kein krieg in ancak cove,
war krieg kein krieg in gallipoli,
war – leider – krieg
in
şanlı-urfa, erbil,
überall,
auch in arkadien –
war krieg.

DUR! STOPPP …
kriege verwirbeln die zeiten,
auch in unseren breiten.
kämpfe verzwirbeln das du, das wir
zu einem riesenpanzertier.

kriegskind ich – und
knapp ein kriegskind du –
ein wunder, dass wir leben!

wir leben und zaubern und bleiben,
wir lesen und denken und schreiben
– für wen?

 

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