Im Verschwindibusfluß

Der Schweizer Pablo Haller läßt Brinkmann, Burroughs und einige andere durch seine Dichtungen geistern

Von Jürgen Schneider
Gib Schatten: Burroughs 1975
Gib Schatten: Burroughs 1975
Foto: picture alliance – CSU Archives/Everett Collection

Pablo Haller, geboren 1989 in Luzern, ist ein umtriebiger Dichter, Kulturjournalist und Verleger. Er schreibt Songtexte für verschiedene »Kapellen« (A. Merkel) und betreibt die Literaturwebsites pulppoetry.com und gasolinconnection.com. Regelmäßig erscheinen Hallers Texte in Literaturzeitschriften wie dem heft das seinen langen namen ändern wollte. Zeitschrift für schlagende Sätze. In dessen 17. Ausgabe konstatierte er: »Deutsche Literatur MUSS nicht ZWINGEND Narkotikum sein (…) So beat it! – Or cut the fuck up!«
Im vergangenen Jahr erschien »Ändnacht«, die Debüt-CD seiner Spoken-Word-Combo The Sessa Connection samt dem gleichnamigen Textbook im Verlag Der Kollaboratör, den Haller und sein Kollege Patrick Hegglin 2011 unter Berufung auf William S. Burroughs gründeten: »To live means to collaborate.« Dem Verlag wurde jüngst der »Zentralschweizer Förderpreis des Migros-Kulturprozent« zuerkannt, d. h. die Kollaboratöre bekommen drei Jahre lang jeweils 10000 Schweizer Franken. Damit lassen sich die nächsten Projekte, etwa die Bestandsaufnahme der Luzerner Literaturszene (»Schäferschond«) oder ein Buch mit Texten aus dem Nachlaß des 2012 gestorbenen Übersetzers und Autors Carl Weissner finanzieren.
Nicht in der Schweiz, sondern im Mainzer Gonzo-Verlag erschien vor kurzem Hallers Gedichtband »Südwestwärts 1&2«, in dem sich eine weitere Anmerkung zur deutschen Literatur findet: »– dieses geeiere ist / keine schreibe / das ist straßenstrich / jeder will von leben können / schreibt schielend / & maßgeschneidert / aufs publikum«. Einen »kampf für ein selbst / das verwildert«, kennt diese maßgeschneiderte Literatur nicht und auch kein »alles ist möglich – jederzeit«. Eine »weißmüllschönheit« gibt es in dieser marktkonformen Konfektionsschreibe ebensowenig wie »schokoladenschenkel / die 24/7 / offen sind«.
Haller möchte »die grenzen der sprache überwinden«. Es geht »den fäusten entlang … vorbei am rütli … durch nächtliches dickicht & / die algebra des verlangens«. In seinem halluzinatorischen Sprachstrom werden Ort und Zeit verwischt, die einzigen Konstanten sind »zufall & scheitern«. Erinnerungen an Tanger, Marokko, das von Luzern aus gesehen südwestwärts liegt, folgen »truppenverschiebungen nach salò … / im verschwindibus-fluß / beton drüber … / am fels ein schild / ›diese straße wurde / zwischen 1940 & 1943 FREIWILLIG von polnischen internierten erbaut …‹ bekannte gesichter in tripolis / es regnet raketen«.
Der Titel des Bandes weist auf Rolf Dieter Brinkmanns Buch »Westwärts 1&2«, aus dem der Jungdichter Bausteine für seinen »babelturm« genommen hat. Wir stoßen etwa auf Brinkmanns verschrammte Coca-Cola-Eistruhe und dessen (neon)grün gestrichene Eisentür aus ›Westwärts, Teil 2‹. Der Cut-up-Meister Jürgen Ploog lobte Hallers Opus mit den Worten: »Das ist Brinkmann ohne die Dauerwurst im Kühlschrank.« Ploogs verstorbener Freund William S. Burroughs geistert ebenso durch Hallers Text (»& onkel bill ballert den ladies / die äpfel von den köpfen«) wie der französische Kollege Houellebecq, »der seinen hund / auf ausgezehrte Schafe / hetzt«, sowie der Doors-Frontmann Jim Morrison: »– es hält sich das gerücht / daß sich morrison / ›i think that you know what to do‹ / während / den aufnahmen / von / (ausgerechnet) / ›you’re lost little girl‹ / einen blasen ließ / ›impossible? yes, but it’s true‹«.

Pablo Haller: Südwestwärts 1&2. Gonzo-Verlag, Mainz 2013, 122 Seiten, 10 Euro * Haller liest heute und morgen in Mainz, heute im Pengland, morgen in der Bukafski Buchhandlung, Beginn jeweils 21 Uhr

http://www.jungewelt.de/2013/05-31/020.php?sstr=haller

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Der Beat goes on … »Südwestwärts 1&2« von Pablo Haller

28.07.2013 | Hamburg
Pablo Haller ist ein junger Literaturpunk aus dem beschaulichen Luzern. Und Luzern ist ein Idyll und das ist auch gut so. Asiatische Touristen fotografieren eine holzbeschnitzte Brücke, das Wasser kommt kristallklar die Gletscher herunter und dicke Fische schwimmen darin. Kurzum: alle Leute freuen sich und haben satt zu essen. Warum also derart wütend herumdichten Herr Haller?

Es ist der Drang nach Ferne und Gegenentwurf, den die Hallerschen Beats atmen, es ist der Blick in die Weite, den das dichtende Auge sucht. Und dazu müssen eben erstmal die Berge weggesprengt werden, denn „als wir als dem gotthard schießen /  prallt mir die sonne in die fresse“.

Erst mit einigem Abstand lässt sich auch das heimische Kulturgut würdigen: „kuno (Lauener, Züri West, Anm. d. V.) – der letzte woche fünfzig wurde – / haucht ‚un jour comme un autre’ / berner französisch hört sich seltsam an“.

Haller illustriert seinen Text selbst, collagiert ihn vielmehr. Diese Skizzen schaffen Distanz zum jugendlichen Pathos der Zeilen, da schwirrt eine Zimtschnecke durchs Tal, steht ein Esel auf der Straße. Fischli/Weiss lassen grüßen.

Und zwischen all den knochenbrecherischen Renegatenbeats stechen gerade die leisen, zweiflerischen Töne hervor, erinnern an den jungen Brinkmann: „sniffe eine / verbrauchte prise luft / & rede & rede & rede / (male schallwellen in die luft)“. Haller dichtet spontan, der Ausschuss wird glücklicherweise mit in die Produktion genommen, es ist der Geist Kerouacs, der hier Pate steht, scheitern ist jederzeit möglich und wird nicht weglektoriert, das Langgedicht muss in einer Nacht fertig werden, geschrieben auf einer Rolle Klopapier, der nächste Morgen wird ohnehin wieder alles ändern „n schneller espresso / & weiter“. Es ist der Cutup-Sog Jürgen Ploogs, der an den Zeilen zieht, die semantische Dauerreise. Auch typografisch wird das pausenlose Fallen der Buchstaben gekonnt in Szene gesetzt und „der lauf der dinge / bruzzelt buttrig / verpackt in der natürlichen / krümmung des darms“.

Sound spielt für Haller auch im Vortrag eine große Rolle, Haller rappt in verschiedenen Formationen, textet, seine Kreativität ist engagiert und teils bewusst formlos, er ist ein junger, suchender Dichter, sein Stil variiert und entwickelt sich in coram publico. Das Fluidum der Sprache, die Vergänglichkeit des Körpers, das alles wird geradezu kultiviert. Ingredienzien für ein authentisches Dichterleben. Vielleicht ist gerade diese Suche nach dem Authentischen, die Suche danach inmitten dieser teils schon bizarr artifiziell anmutenden Schönheitskulisse Luzerns ein Quell für die brisante lyrische Energie Pablo Hallers? Als Leser jedenfalls wünscht man dem jungen Autor, zwischen all den glattlektorierten Jungprofis seiner Generation, eine lang währende und weiterhin derart konstruktive Schreibpubertät.

http://www.fixpoetry.com/feuilleton/rezensionen/2257.html

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Rez_Luzerner_Zeitung

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22.05.2013 – Die Migros Genossenschaft Luzern lanciert im Rahmen des Migros-Kulturprozent einen neuen Förderpreis, der finanzielle Unterstützung für Institutionen und Kulturschaffende in der Zentralschweiz bietet. Die vier Gewinnerprojekte aus Baar, Luzern und Sachseln erhalten Förderbeiträge von insgesamt 85‘000 Franken. Im November 2013 werden in einer zweiten Runde weitere Projekte ausgezeichnet.

Nebst dem bestehenden, breiten Engagement des Migros-Kulturprozent will die Genossenschaft Migros Luzern die Zentralschweizer Kulturszene weiter gezielt unterstützen und stärken. Deshalb rief sie den Zentralschweizer Förderpreis des Migros-Kulturprozent ins Leben. Der Förderpreis wird zweimal jährlich vergeben. Kulturelle Institutionen und Kulturschaffende können dank finanzieller Unterstützung aufwendige, unkonventionelle und innovative Projekte verwirklichen. Die Fördermittel sollen dazu beitragen, die Kulturlandschaft der Zentralschweiz auf vielfältige Weise zu bereichern. Davon profitiert auch die Bevölkerung der Region.

Ein Förderpreis für innovative, unkonventionelle Projekte Mit dem Förderpreis werden neue Kulturprojekte realisiert und das Kulturangebot der Zentralschweiz erweitert. Zweimal im Jahr tagt die siebenköpfige Fachjury, mit je einem Vertreter aus den Kantonen Zug, Schwyz, Uri, Luzern, Ob- und Nidwalden sowie einem Vertreter der Genossenschaft Migros Luzern, und vergibt den Preis an geeignete Projekte. Die Unterstützungsbeiträge bewegen sich je nach Projekt zwischen 10‘000 Franken und 30‘000 Franken. Der Betrag kann einmalig oder für mehrere Jahre gesprochen werden. Im November 2013 werden in einer zweiten Runde nochmals Projekte ausgezeichnet.

Siegerprojekte aus Baar, Luzern und Sachseln Der Zentralschweizer Förderpreis des Migros-Kulturprozent bietet folgenden vier Projekten eine finanzielle Unterstützung:

Der Verlag Kollaboratör Der junge Luzerner Verlag Kollaboratör ist auf nicht alltägliche Zentralschweizer Literatur spezialisiert. Patrick Hegglin und Pablo Haller gründeten den Verlag 2011. Nebst der Veröffentlichung von Publikationen legen sie auch grossen Wert auf Vermittlung und organisieren regelmässig Lesungen. Eine aktuelle Publikation ist die Luzerner Literatursammlung „Schöferschond“. Um einen nachhaltigen Aufbau des jungen Verlages zu gewährleisten, erhält er für weitere Publikationen und Lesungen eine Starthilfe von je CHF 10‘000.- während drei Jahren. www.derkollaborator.com

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