Leseprobe „Kurt Stein – Ein Schwein wird Privatschnüffler“

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Leseprobe Kurt Stein

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Leseprobe aus „Zwischen Rotwein, Filetsteak und Popstar-Neurosen“

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Leseprobe aus „antikörper / antibodies“

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3_legowenn das mindesthaltbarkeitsdatum des wunders abgelaufen ist, müssen alle verbände schonungslos aufgedeckt werden. die wunden werden so lange geleckt und gekost, bis das wunder wiederkehrt oder die nekrose des gekröses das endstadium erreicht hat.

when the last quantum of wonder has gone, all dressings must be mercilessly stripped off. the wounds must be licked and kissed continuously to effect the return of wonder, or until the necrosis of the entrails has reached the terminal stage.

***

jeder verband dient der ablenkung von steuerfahndern und wundfanatikern. man unterscheidet droh-, stoß-, streif-, streck- und stauchkulissen. lebensbedrohliche wunden werden zu hauptverkehrszeiten mit den abendnachrichten vernäht und mit schweren steinen im bewusstsein versenkt. oberflächliche wunden werden lokalen künstlern zur gestaltung ihres stadtteils überlassen.

all bandages strive to divert tax inspectors and bedsore fanatics. distinctions are made as to threatening, shocking, striating, stretching, and compressing circumstances. life-threatening wounds are sutured with the evening news at rush-hour. heavy stones are used to sink them into consciousness. superficial wounds are left to local artists to enhance their neighborhood.

***

Feigling variation black

die pfirsichkerngroßen vorurteile müssen gleichmäßig in alle ventrikel verteilt werden. bei unsachgemäßer lagerung des kopfes, kann es zu einer akkumulation der vorurteile in bestimmten regionen kommen. pfirsichkerne durchbrechen die äußere knochenwand des stirnbeins und gelangen in die öffentlichkeit. es besteht die akute gefahr neuartiger glaubensformen mit unerprobten rituellen handlungen und einer ablehnung vertrauter konsumgüter.

the peach-pit-sized prejudices must be evenly distributed in all ventricles. inexpert placement of the head can lead to an accumulation of prejudice in one region. peach pits sometimes punch through the outer bone wall of the brow and seep out into the general public. there is an acute danger that the afflicted will adopt new religions with untested rituals and a sudden contempt for familiar consumer goods.

***

wenn alle intrigen versagen, droht die krankenschwester mit blutenden kinderköpfen, die zwei- bis dreimal auf die verborgenen bindengänge geschlagen werden. sie gibt fingernägel und tupfer hinzu und bringt die bewusstseinsklemme an. die faust ist mit entferntem kopfschütteln und ausweichverhalten zu multiplizieren.

if all intrigues fail, the nurse threatens with bloody children’s heads. the heads have been smacked two or three times to the hidden ligature channels. she adds fingernails and swabs until a consciousness retractor is established. the fist is to be multiplied by vague head-shaking and attempts to shun.

***

gegen unerklärliche euphorie hilft nur die kontrolliert anthroposophische knochensprengung. die splitter werden in betreutenFlotter Dreier werkstätten unter fachlicher anleitung spielerisch neu strukturiert. kreuzworträtsel und erholungsaufenthalt in der weichzelle können auf antrag angeschlossen werden.

inexplicable euphoria can only be cured by controlled anthroposophical bone explosions. the shards must be reassembled in trusted workshops under certified supervision. crossword puzzles plus a vacation in the rubber room can be requested.

ZU DEN AUTOREN

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Leseprobe aus „Südwestwärts 1&2“

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Cover_SWW_front_finfor the old, the ugly & the sergeant

1
a)

sie ist nie sie
sah sie erstmals
in einem hotelzimmer in fès
lag fiebrig & schwitzend
in laken
motoren lärmten
die straße entlang
& der alte muezzin plärrte
den morgen herbei
immer wieder
dasselbe bild
in diesem hotelzimmer
liege fiebrig & schwitzend
in laken
sie schält sich
aus dem weiß der decke
flüster
«rachida»

b)

samstag
fünf uhr früh
rocknroll-suicide
taste mich zu den camels
dem feuerzeug
zeit für ne kippe
steck sie mir in den mund
rauche an &
huste

«… but you don’t eat when you’ve lived too long …»

schwaden & asche
versuche aufzustehn, schwanke
zieh mir was über
torkle den gang entlang
draußen dämmerts

aufm weg zur dusche
streife ich julie
die von der arbeit heimkommt
«schon wach!?!»

genuschel – dann
heißes wasser
über meinen kopf
über meine schultern
über meine brust
über meinen bauch
über meinen schwanz
über meine beine
über meine füße
– dann
gurgeln & dampf
von frischem kaffee

schlaf kriecht
aus den knochen
raus aus dem
offenen fenster
in den morgenhimmel
die kühle luft unter der wolkendecke
ins regengeplätscher

am straßenrand
stehen die letzten
verbliebenen
nutten
mit aufgespannten
schirmen

hoffen
auf einen
letzten
fang

es regnet bloß
& in den pfützen
zappeln
keine
fische

[…]

e)

«young girl, get out of my mind
my love for you is way out of line»
nina trällert mit ner
oldie-schnulze von gary puckett um die wette
mara braucht was aufputschendes
damit sie hinter dem steuer nicht einnickt
nero kommentiert die visagen
der autofahrer die wir oder die uns
überholen
& schon wieder der gotthard

// unter meiner wohnung
hat n neuer döner eröffnet
die nutten
vom straßenstrich
sitzen an der bar
aufgereiht
wie kanarienvögel auf dem stängelchen
ich warte auf meine falafel
versuche den verkäufer
in ein gespräch zu verwickeln
versuche hinter die frontlinie
zu gelangen //

eine der ersten frühlingsnächte
des jahres – hier auf der nordseite
der mond versinkt gelb
im vierwaldstättersee
der große mond
nah wie seit jahrzehnten nicht mehr

f)

südwärts!
den fluss runter
wir bauen eine neue stadt
südwärts!
den fluss runter
eine stadt ganz aus gold
südwärts!
den fluss runter
eine stadt ohne geschichte
ohne museen, ohne bibliotheken
ohne akademien
südwärts!
den fluss runter
den fäusten entlang
den geschwollenen
augen entlang
dem atemlosen
magen entlang
südwärts!
körper treiben
wie kähne
vorbei
schlaflos
starre ich
starre ich
starre ich
in kalten rauch
schwärze
& schatten

ein pennermädchen
das seine mutter sucht
setzt sich zu mir
ich möcht gern mit ihr kämpfen …

 

ZUM AUTOR

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Leseprobe aus „Der letzte große Bluff“

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Der Verwalter Cover_Der letzte große Bluff_front

Immer sitzt am Nebentisch

Irgendein

Idiot

Und sondert lautstarke Redeschwalle ab

Man möchte aufstehen

Und selbigem die Fresse polieren

Stattdessen sitzt man sich fest

Und erhebt das Glas

Auf die Errungenschaften der Zivilisation

Ich trinke meinen Tall Chai Latte und denke:

Du balancierst besorgniserregend

Am Rande eines großen, dunklen Lochs, mein Freund

Zwischen seinen Beinen

Hampelt ein Hund herum

„Dein Herrchen wagt sich ganz schön weit aus

dem Fenster“, flüstere ich

„Ich weiß, er ist ein Arschloch. Aber er verwaltet das Fressen.“

Das ist genau das Problem: Es gibt

immer einen, der das Fressen verwaltet

Ausgespielt

Am Morgen des 20. März

nachdem er von den Vorstadtratten wie immer mit „have a rotten day“

begrüßt worden war

wurde ihm bewusst

dass er die letzten 20 Jahre

praktisch in einem Mittelklassewagen verbracht hatte

irgendetwas begann zu wirken

er hoffte, dass es die Grünen und Blauen waren

denn die Roten hatte er noch gar nicht genommen

Jetlag

Mein Körper befindet sich noch in Miami

Der Anblick der Montagmorgenfressen

deutet jedoch

darauf hin

Dass ich unwiderruflich wieder zu Hause bin

Der Kellner berechnet mir zu viel

Was mir ziemlich egal ist

Ich will nur raus aus dem Dunstkreis der Morgenmuffel

Das scheint ansteckend

Auch ich gucke schon

ziemlich beschränkt aus der Wäsche

Die Wetterlage ist beschissen

3. August, 13 Grad, regnerisch

Wieso vergeht die Zeit so schnell

Kaum der Mutterbrust entwöhnt

Schon bestellt man den Platz in der Altersresidenz

Im Hintergrund singt Michael Jackson

– der Herr sei ihm gnädig –

“You are not alone“

Ich nehme an, das ist als

Drohung aufzufassen

Gelobtes Land

Die Eidechsen auf meiner Veranda

Machen sowas wie Liegestütze

Bei 103 Grad Fahrenheit

Das muss am kleinen Hirn liegen

Ich hingegen sitze wie eine benebelte träge Bisamratte

Auf dem Chaiselongue, nippe an meinen Chill – 100 Kalorien

Und schwitze aus

Letzte Woche hatte der Teufel an meine Tür geklopft

Und mich ins Land der Schweinepriester eingeladen

Weil auf der Erde eh bald Schluss sei

Manchmal denke ich

Ich hätte mitgehen sollen

Manchmal denke ich

Ich bin schon dort

Alabama

Wir schmissen

unsere Bierdosen

in den Trichter

der Nacht

Die alles verschluckte

Gleissendes Mondlicht ergoss sich über meine Schenkel

Die Nacht schützte

Ließ vergessen

Am meisten sich selbst

Das flache, staubige Land

Das grausame Gelb der Sonne

Die tagelang unerbittlich auf uns niederprasselte

Als würde sie uns in dieser

unwirtlichen Gegend

plattmachen wollen

Die Nacht grenzte den Horizont ein

Der tagsüber endlos ins Nichts führte

Unser Leben konzentrierte sich auf wenige Dinge

Verdammt, wir existierten

Und das

war irgendwie

richtig

gut

Bis zum Äußersten

Er spuckte, wenn er sprach

Versprühte Geifer

Mit zu Berge stehenden Haaren

Die, die ihm geblieben waren

Er referierte

Während er hastig meinen Wein leerte

Und mit den Händen rang

Dass das Weiße an den Knöcheln hervortrat

Er hatte einen Ansatz zum Bauch

Angefressen in 25 Jahren Revolutionspause

Jetzt trat er wieder aufs Tapet

Und auf die Barrikaden

Warum gerade jetzt, blieb unklar

Er wollte etwas tun

Egal was

Aber es interessierte keinen

Sie waren zu beschäftigt

Mit der Rettung ihrer Spareinlagen

Und der Spannkraft ihrer Haut

Er fühlte sich wie ein einsamer Wolf in den Abruzzen

Ich bestellte mir einen Espresso

Für meinen Wein gab es eh keine Rettung mehr

Und auch nicht für den alten Aufwiegler

Er würde bis zum Äußersten gehen

Glücklicherweise lag das Äußerste

Knapp hinter seiner Couch

Es bestand also zu keinem Zeitpunkt

Gefahr für die Zivilbevölkerung

 

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ZUR AUTORIN

Leseprobe aus „Madame Chérie“

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Vor der Tür stand das Weihnachtsfest, man hatte sich kurz zuvor, als kein Verzögern einer Entscheidung mehr möglich war, darauf geeinigt, dass ich Heiligabend bei Mama verbringen sollte und den ersten Feiertag mit Papa.
Meine schöne Mama hatte das ganze Haus festlich geschmückt, überall glimmende Kerzen, silberne Glocken und fein mit glitzerndem Lametta bestäubte Tannenzweige, es roch sogar nach Weihnachten, nach Essen und Backen, nach Zimt und schwerem, süßem Nadelholzduft. Der Klang einer sanften Stille hing in der Luft. Im Wohnzimmer stand ein wunderschön geschmückter kleiner Baum, unter dem ich viele Päckchen fand. Ich musste unwillkürlich an den zusammensteckbaren Plastikbaum in meinem Block C2B im Gefängnis denken, an das kleine Bäumchen, das wir mit angemalten leeren Toilettenpapierrollen anstatt Kugeln, mit bemalten Papierfetzen anstatt Lametta und Milchflaschenringen statt Firlefanz schmückten. Ich weinte lautlos, ohne es zu zeigen.

***

Meine Begegnung mit meinem Sachbearbeiter beim Arbeitsamt in Neustadt, kurz nach meiner Rückkehr aus dem Gefängnis, bleibt mir unvergesslich. Es war etwa vier Monate nach meiner Entlassung, als ich vor ihm saß, eine Routine-Einladung, dachte ich anfangs.
Mein Sachbearbeiter sagte: „Also, wir müssen jetzt Arbeit für Sie finden, Frau Mohr.“ Sein Tonfall erschien mir merkwürdig, machte mich misstrauisch.
„Gerne, aber wie soll das funktionieren, kein Mensch stellt mich ein, Sie erinnern sich vielleicht: Ich komme gerade aus dem Gefängnis.“
„Ach, das vergesse ich immer, sie sehen so überhaupt nicht danach aus“, antwortete er.
„Ich weiß, aber mit meinem Lebenslauf bekommt man selten einen Job, speziell in Zeiten wie den momentanen.“
„Da gibt es einen, den könnte ich Ihnen sofort vermitteln, da wird jeder eingestellt, denn die meisten kündigen nach spätestens vier Wochen. Und zwar beim Hühner-Fred.“ Er schmunzelte heimtückisch.
„Wer um alles in der Welt ist der Hühner-Fred?“, fragte ich ungläubig. Kurz überlegte ich, ob der Mann einen Humor hatte, der mir gerade entging.
„Sie kennen den Hühner-Fred nicht? Der steht in einem kleinen Wagen vorm Supermarkt in Haßloch und macht Brathähnchen. Nach einem Tag in diesem Wagen stinken Sie so nach Fett wie noch niemals im Leben zuvor.“
Da beschloss ich, mich umzuschauen, mich selbstständig zu machen, begann mich neu zu definieren. Also ehrlich: Hühner-Fred!

***

Dann kam ein Job, der interessant zu werden schien, den konnte ich unmöglich ablehnen, was ich allerdings besser getan hätte, denn erstens trog der Schein und zweitens überschätzte ich mich. Ich war eben doch nicht die bezaubernde Jeannie, die einfach mit den Fingern schnippte und schon erfüllten sich ihre Wünsche – bling-bling – einfach so.
Der Job bestand daraus nach Nizza auf ein Boot als private Begleiterin zu gehen. Dieses Mal bat der Gast um eine gute Köchin. Sowieso konnte ich gerade Geld gebrauchen. Zwar konnte ich nicht kochen und schon gar keine Haute Cuisine, aber ich war doch die Meisterin in der Kunst des Improvisierens, so überzeugte ich mich selbst und nahm das vielversprechende, verlockende Angebot einfach an.
Eigentlich war ich an jenem Tag richtig glücklich, weil ich vor meiner Abreise den ersten Scheck für mein Buch Pixie erhalten hatte, das erste verdiente Geld durch die eigene Schriftstellerei. Gerne hätte ich mit Howard eine Flasche prickelnden Champagner zum überwältigenden Anlass gekillt. Aber ich konnte mich schon immer auch gut alleine amüsieren, das lernt man als Einzelkind sehr schnell und nach fünf Jahren Gefängnis hat man diese Fähigkeit bis zur Perfektion verinnerlicht.
Der Kapitän erwartete Maria am Flughafen, im Aeroport Nice Côte d´Azur. Seine Statur war eher schmächtig, ein dünner, dunkelbrauner Perser mit einem Dreitagebart und mit mehr grauen als schwarzen Haaren. Die Flughafenhalle war gut klimatisiert, es herrschte emsiges Treiben, Menschen schwirrten aufgescheucht in die verschiedensten Richtungen, sich gegenseitig nicht beachtend, während dieser merkwürdige Perser seinen Escort misstrauisch taxierte. Das ungleiche Paar ging zum Bus vor der Eingangshalle. Die beiden redeten mal Englisch und mal Französisch miteinander, aber die Kommunikation klappte hervorragend.
[…]
Leider entpuppte sich dieser Kapitän schnell als griesgrämiger alter Mann, ein Motzkopf. Dazu kam, dass Marias fideler Plan nicht so leicht durchführbar war wie gedacht. Ja klar, sie war mit einem perfekten Plan gekommen.
Maria hatte sich einen cleveren Menüplan ausgedacht und musste dafür die notwendigen Zutaten einkaufen, also sagte sie zum griesgrämigen Kapitän: „Könnte ich bitte Geld bekommen, um einkaufen zu gehen?“ Während sie es aussprach, drehte sie sich kess leicht zur Seite, sie standen an Deck, sodass der Kapitän der schicken Jacht nebenan sie genau verstehen konnte. Vielleicht würde er auf einen Kaffee mitkommen, er sah nicht schlecht aus, dachte Maria.
Aber ihr persischer Kapitän antwortete schnell: „Ich begleite dich, weil ich mich in Nizza auskenne und damit ich dir beim Tragen helfen kann.“ Dabei schaute er zum Himmel, machte keinen begeisterten Eindruck, aber es war irgendwie klar, dass er keine Widerrede dulden würde. Er war der Mann, der von einer Frau sowieso nichts annahm, schon gar nicht von einer Blondine.
Mist!, dachte Maria. Nicht nur, weil der Kaffee-Plan mit dem Süßen von der Nachbarjacht nicht klappte, sondern vor allem, weil sie geplant hatte, das Supermenü für den heutigen Abend fertig zu kaufen. Auch Gourmetspeisen gibt es heutzutage als Fertigprodukte wie Carpaccio aus Rind und Lachs aus dem Tiefkühlfach, Pesto in der Dose, Nachspeisen bei der Konditorei oder auch aus dem Tiefkühlfach, Fertigsoßen und diverse Suppen, zusätzlich plante sie ein paar tolle exotische Gewürze zu kaufen, um die Gerichte zu verfeinern, ihnen einen individuellen Geschmack zu verpassen, der nicht mehr an Fertiggerichte denken ließ. Schon wär ein Gourmetmenü gezaubert gewesen. Denn Maria war als Gourmetköchin engagiert und das wurde hoch dotiert.
[…]
Trotzdem war das Essen, das sie zauberte, mittelmäßig, einfach nicht super gut, aber sehr arbeitsaufwendig – Köche leisten enorme körperliche Arbeit, das war Maria vorher nicht klar gewesen. Um ehrlich zu sein, brannte ihr am ersten Tag beim Dinner das Steak an, dann sah man dem Tiramisu, obwohl sie mit dem Löffel darin herumgematscht hatte, an, dass es aus dem Kühlregal kam. Am zweiten Tag hatte sie dem Salat viel zu viel Essig und Salz beigemischt und am dritten Tag lies der Fisch auch zu wünschen übrig und das Gemüse aus der Dose wollte einfach nicht wie frisch gekauftes aussehen.
[…]
Niemals wieder würde sie einen solchen Auftrag annehmen!

 ***

Mein Buch Pixie war beinahe fertig lektoriert. Wenn man vorher nie damit zu tun hatte, hat man keine Vorstellung von dem gewaltigen Arbeitsaufwand, der in solch einem Buch steckt, speziell beim Debüt, da man noch so viel lernen muss. Das ist genau wie ins Gefängnis zu kommen: Beim ersten Mal ist das eine völlig neue, schwierige Situation, aber beim nächsten Mal wird es schon einfacher, das hatten mir alle gesagt, die mehr als einmal im Gefängnis waren.
Vielleicht erinnerte mich der plätschernde, zaghafte Regen, den ich vorm Fenster beobachtete, an meine letzte Reise bevor ich ins Gefängnis kam. Bei strömendem Regen verließ ich Deutschland im Mai 1999. Damals hatte ich keine Ahnung, dass der verregnete Schleier Deutschlands für mehr als fünf Jahre das Letzte sein würde, was ich von meiner Heimat zu sehen bekam.
Wir stiegen hastig in das Flugzeug, um dem nörgelnden Nass zu entkommen. Mein bester Freund Carl war mal wieder mein treuer Reisebegleiter, dieses Mal nach Afrika. Endlich auf dem Sitzplatz – man durfte schon damals nicht mehr im Flugzeug rauchen – machte ich die Flasche Tequila auf, die ich im Duty-free-Shop gekauft hatte. Es wurde uns lausiges Flugzeugessen in einem Plastikcontainer und irgendwelche Weine in weißen Plastikbechern gereicht. Zwischenlandung war in Brüssel, wo ich zu meinem Erstaunen beobachtete, wie genüsslich Rauchende friedlich neben schmatzenden Nichtrauchern saßen. Was für ein rarer und kostbarer Anblick. Und man staune: Sie haben sich nicht gegenseitig umgebracht.
Von Brüssel aus ging es weiter Richtung Benin, Elfenbeinküste, wo ich meinen kolumbianischen Freund treffen sollte, mit dem wir einige Kilos Kokain gegen ein paar Dollarscheinchen tauschen wollten. Wir hatten mittlerweile bereits einige erfolgreiche Transaktionen hinter uns. Das Geld war an meinem Körper in einem Gürtel.
Fast die ganze Flasche Tequila hatte ich schon getrunken, machte mir schon bittere Vorwürfe, dass ich noch eine weitere hätte kaufen sollen, da konnte ich nur noch den Kopf zur Seite meines mir unbekannten Sitznachbarn drehen und es ergoss sich ein Strahl klebriger Kotze über seine maronenfarbene Krawatte, seine Hose in derselben Farbe und über sein jetzt nicht mehr weißes Hemd. Es war mir sehr peinlich. Ich stammelte etwas von wegen Entschuldigung, als er steif aufstand und zur Toilette lief. Komischerweise sagte er kein Wort zu mir und verzog nicht mal das Gesicht.

ZUM BUCH
ZUR AUTORIN

Leseprobe aus „Am Leben sein“

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