Rezensionen „Der letzte große Bluff“

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WOZ Nr. 21/2013 vom 23.05.2013

                Aus der Hüfte geschrieben

    Von Florian Vetsch

Die Wahlzürcherin Susann Klossek, 1966 in Leipzig geboren, ist eine weit gereiste Journalistin – und eine Bad-Ass-Poetesse ohnegleichen. Eine deutschsprachige One-Woman-Pussy-Riot-Band in Sachen Poesie, eine zeitgenössische Ringelnätzin, wenn man will. «Drecksack»-Herausgeber Florian Günther bringt es auf den Punkt: «Susann Klossek haut mit der Faust auf den Tisch, wo andere Autorinnen nur zaghaft und verspielt am Spitzendeckchen zupfen.» Journalistin – und eine Bad-Ass-Poetesse ohnegleichen. Eine deutschsprachige One-Woman-Pussy-Riot-Band in Sachen Poesie, eine zeitgenössische Ringelnätzin, wenn man will. «Drecksack»-Herausgeber Florian Günther bringt es auf den Punkt: «Susann Klossek haut mit der Faust auf den Tisch, wo andere Autorinnen nur zaghaft und verspielt am Spitzendeckchen zupfen.»

Im Gonzo-Verlag ist Klosseks herz- und hirnerquickender neuer Lyrikband «Der letzte grosse Bluff» erschienen. Darin sucht sie couragiert das Anstössige, entert, mit allen Wassern gewaschen, tabuisierte Zonen, tritt schwungvoll in Fettnäpfchen, ernüchtert zynisch; so etwa im liedhaften Text auf Zürich «Sommerzeit am See»: «Die Bahnhofstrasse ist gar lang / Dass Frau Geheimrat shoppen kann / Bei Gucci, Prada und Chanel / Ein Höschen für ihr Bärenfell // Und der Gemahl / Ganz ungeniert / Am Sihlquai läufig langchauffiert // Wo sind sie hin / Die Ost-Block-Huren / In die Verrichtungsbox sie fuhren». – Mit «Der letzte grosse Bluff» tritt im zehnten Jahr ihres Autorinnendaseins eine Wucht von einer Dichterin auf den lyrischen Plan, ein weiblicher Hank Chinaski, mit Texten, die von unten kommen, soziologischen Tiefgang haben, die anecken, ausscheren und nicht zuletzt einen abgründigen Witz versprühen. In ihren «51 Kurzen», wie die süffigen Gedichte im Untertitel heissen, analysiert Klossek den Alltag mit kühlem Blick. Sie schreibt mit wildem, noch immer lebendig schlagendem Herzen gegen die allgemeine Trostlosigkeit an – und langweilt nie. Ideologien stört sie mit leichter Hand auf, ballert aus der Hüfte gegen links wie rechts: «Ich lese die WOZ und die Weltwoche / beides gleichermassen beschissen / Auf seine ureigene Art».

Susann Klossek schiesst sich den Weg frei zu einem unvoreingenommenen individuellen Standpunkt. Sie schafft lyrische Eilande jenseits aller Autoritäten – lesenswerte Poesie.

http://www.woz.ch/1321/buch/aus-der-huefte-geschrieben

Rezensionen Süswestwärts 1&2

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Im Verschwindibusfluß

Der Schweizer Pablo Haller läßt Brinkmann, Burroughs und einige andere durch seine Dichtungen geistern

Von Jürgen Schneider
Gib Schatten: Burroughs 1975
Gib Schatten: Burroughs 1975
Foto: picture alliance – CSU Archives/Everett Collection

Pablo Haller, geboren 1989 in Luzern, ist ein umtriebiger Dichter, Kulturjournalist und Verleger. Er schreibt Songtexte für verschiedene »Kapellen« (A. Merkel) und betreibt die Literaturwebsites pulppoetry.com und gasolinconnection.com. Regelmäßig erscheinen Hallers Texte in Literaturzeitschriften wie dem heft das seinen langen namen ändern wollte. Zeitschrift für schlagende Sätze. In dessen 17. Ausgabe konstatierte er: »Deutsche Literatur MUSS nicht ZWINGEND Narkotikum sein (…) So beat it! – Or cut the fuck up!«
Im vergangenen Jahr erschien »Ändnacht«, die Debüt-CD seiner Spoken-Word-Combo The Sessa Connection samt dem gleichnamigen Textbook im Verlag Der Kollaboratör, den Haller und sein Kollege Patrick Hegglin 2011 unter Berufung auf William S. Burroughs gründeten: »To live means to collaborate.« Dem Verlag wurde jüngst der »Zentralschweizer Förderpreis des Migros-Kulturprozent« zuerkannt, d. h. die Kollaboratöre bekommen drei Jahre lang jeweils 10000 Schweizer Franken. Damit lassen sich die nächsten Projekte, etwa die Bestandsaufnahme der Luzerner Literaturszene (»Schäferschond«) oder ein Buch mit Texten aus dem Nachlaß des 2012 gestorbenen Übersetzers und Autors Carl Weissner finanzieren.
Nicht in der Schweiz, sondern im Mainzer Gonzo-Verlag erschien vor kurzem Hallers Gedichtband »Südwestwärts 1&2«, in dem sich eine weitere Anmerkung zur deutschen Literatur findet: »– dieses geeiere ist / keine schreibe / das ist straßenstrich / jeder will von leben können / schreibt schielend / & maßgeschneidert / aufs publikum«. Einen »kampf für ein selbst / das verwildert«, kennt diese maßgeschneiderte Literatur nicht und auch kein »alles ist möglich – jederzeit«. Eine »weißmüllschönheit« gibt es in dieser marktkonformen Konfektionsschreibe ebensowenig wie »schokoladenschenkel / die 24/7 / offen sind«.
Haller möchte »die grenzen der sprache überwinden«. Es geht »den fäusten entlang … vorbei am rütli … durch nächtliches dickicht & / die algebra des verlangens«. In seinem halluzinatorischen Sprachstrom werden Ort und Zeit verwischt, die einzigen Konstanten sind »zufall & scheitern«. Erinnerungen an Tanger, Marokko, das von Luzern aus gesehen südwestwärts liegt, folgen »truppenverschiebungen nach salò … / im verschwindibus-fluß / beton drüber … / am fels ein schild / ›diese straße wurde / zwischen 1940 & 1943 FREIWILLIG von polnischen internierten erbaut …‹ bekannte gesichter in tripolis / es regnet raketen«.
Der Titel des Bandes weist auf Rolf Dieter Brinkmanns Buch »Westwärts 1&2«, aus dem der Jungdichter Bausteine für seinen »babelturm« genommen hat. Wir stoßen etwa auf Brinkmanns verschrammte Coca-Cola-Eistruhe und dessen (neon)grün gestrichene Eisentür aus ›Westwärts, Teil 2‹. Der Cut-up-Meister Jürgen Ploog lobte Hallers Opus mit den Worten: »Das ist Brinkmann ohne die Dauerwurst im Kühlschrank.« Ploogs verstorbener Freund William S. Burroughs geistert ebenso durch Hallers Text (»& onkel bill ballert den ladies / die äpfel von den köpfen«) wie der französische Kollege Houellebecq, »der seinen hund / auf ausgezehrte Schafe / hetzt«, sowie der Doors-Frontmann Jim Morrison: »– es hält sich das gerücht / daß sich morrison / ›i think that you know what to do‹ / während / den aufnahmen / von / (ausgerechnet) / ›you’re lost little girl‹ / einen blasen ließ / ›impossible? yes, but it’s true‹«.

Pablo Haller: Südwestwärts 1&2. Gonzo-Verlag, Mainz 2013, 122 Seiten, 10 Euro * Haller liest heute und morgen in Mainz, heute im Pengland, morgen in der Bukafski Buchhandlung, Beginn jeweils 21 Uhr

http://www.jungewelt.de/2013/05-31/020.php?sstr=haller

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Der Beat goes on … »Südwestwärts 1&2« von Pablo Haller

28.07.2013 | Hamburg
Pablo Haller ist ein junger Literaturpunk aus dem beschaulichen Luzern. Und Luzern ist ein Idyll und das ist auch gut so. Asiatische Touristen fotografieren eine holzbeschnitzte Brücke, das Wasser kommt kristallklar die Gletscher herunter und dicke Fische schwimmen darin. Kurzum: alle Leute freuen sich und haben satt zu essen. Warum also derart wütend herumdichten Herr Haller?

Es ist der Drang nach Ferne und Gegenentwurf, den die Hallerschen Beats atmen, es ist der Blick in die Weite, den das dichtende Auge sucht. Und dazu müssen eben erstmal die Berge weggesprengt werden, denn „als wir als dem gotthard schießen /  prallt mir die sonne in die fresse“.

Erst mit einigem Abstand lässt sich auch das heimische Kulturgut würdigen: „kuno (Lauener, Züri West, Anm. d. V.) – der letzte woche fünfzig wurde – / haucht ‚un jour comme un autre’ / berner französisch hört sich seltsam an“.

Haller illustriert seinen Text selbst, collagiert ihn vielmehr. Diese Skizzen schaffen Distanz zum jugendlichen Pathos der Zeilen, da schwirrt eine Zimtschnecke durchs Tal, steht ein Esel auf der Straße. Fischli/Weiss lassen grüßen.

Und zwischen all den knochenbrecherischen Renegatenbeats stechen gerade die leisen, zweiflerischen Töne hervor, erinnern an den jungen Brinkmann: „sniffe eine / verbrauchte prise luft / & rede & rede & rede / (male schallwellen in die luft)“. Haller dichtet spontan, der Ausschuss wird glücklicherweise mit in die Produktion genommen, es ist der Geist Kerouacs, der hier Pate steht, scheitern ist jederzeit möglich und wird nicht weglektoriert, das Langgedicht muss in einer Nacht fertig werden, geschrieben auf einer Rolle Klopapier, der nächste Morgen wird ohnehin wieder alles ändern „n schneller espresso / & weiter“. Es ist der Cutup-Sog Jürgen Ploogs, der an den Zeilen zieht, die semantische Dauerreise. Auch typografisch wird das pausenlose Fallen der Buchstaben gekonnt in Szene gesetzt und „der lauf der dinge / bruzzelt buttrig / verpackt in der natürlichen / krümmung des darms“.

Sound spielt für Haller auch im Vortrag eine große Rolle, Haller rappt in verschiedenen Formationen, textet, seine Kreativität ist engagiert und teils bewusst formlos, er ist ein junger, suchender Dichter, sein Stil variiert und entwickelt sich in coram publico. Das Fluidum der Sprache, die Vergänglichkeit des Körpers, das alles wird geradezu kultiviert. Ingredienzien für ein authentisches Dichterleben. Vielleicht ist gerade diese Suche nach dem Authentischen, die Suche danach inmitten dieser teils schon bizarr artifiziell anmutenden Schönheitskulisse Luzerns ein Quell für die brisante lyrische Energie Pablo Hallers? Als Leser jedenfalls wünscht man dem jungen Autor, zwischen all den glattlektorierten Jungprofis seiner Generation, eine lang währende und weiterhin derart konstruktive Schreibpubertät.

http://www.fixpoetry.com/feuilleton/rezensionen/2257.html

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22.05.2013 – Die Migros Genossenschaft Luzern lanciert im Rahmen des Migros-Kulturprozent einen neuen Förderpreis, der finanzielle Unterstützung für Institutionen und Kulturschaffende in der Zentralschweiz bietet. Die vier Gewinnerprojekte aus Baar, Luzern und Sachseln erhalten Förderbeiträge von insgesamt 85‘000 Franken. Im November 2013 werden in einer zweiten Runde weitere Projekte ausgezeichnet.

Nebst dem bestehenden, breiten Engagement des Migros-Kulturprozent will die Genossenschaft Migros Luzern die Zentralschweizer Kulturszene weiter gezielt unterstützen und stärken. Deshalb rief sie den Zentralschweizer Förderpreis des Migros-Kulturprozent ins Leben. Der Förderpreis wird zweimal jährlich vergeben. Kulturelle Institutionen und Kulturschaffende können dank finanzieller Unterstützung aufwendige, unkonventionelle und innovative Projekte verwirklichen. Die Fördermittel sollen dazu beitragen, die Kulturlandschaft der Zentralschweiz auf vielfältige Weise zu bereichern. Davon profitiert auch die Bevölkerung der Region.

Ein Förderpreis für innovative, unkonventionelle Projekte Mit dem Förderpreis werden neue Kulturprojekte realisiert und das Kulturangebot der Zentralschweiz erweitert. Zweimal im Jahr tagt die siebenköpfige Fachjury, mit je einem Vertreter aus den Kantonen Zug, Schwyz, Uri, Luzern, Ob- und Nidwalden sowie einem Vertreter der Genossenschaft Migros Luzern, und vergibt den Preis an geeignete Projekte. Die Unterstützungsbeiträge bewegen sich je nach Projekt zwischen 10‘000 Franken und 30‘000 Franken. Der Betrag kann einmalig oder für mehrere Jahre gesprochen werden. Im November 2013 werden in einer zweiten Runde nochmals Projekte ausgezeichnet.

Siegerprojekte aus Baar, Luzern und Sachseln Der Zentralschweizer Förderpreis des Migros-Kulturprozent bietet folgenden vier Projekten eine finanzielle Unterstützung:

Der Verlag Kollaboratör Der junge Luzerner Verlag Kollaboratör ist auf nicht alltägliche Zentralschweizer Literatur spezialisiert. Patrick Hegglin und Pablo Haller gründeten den Verlag 2011. Nebst der Veröffentlichung von Publikationen legen sie auch grossen Wert auf Vermittlung und organisieren regelmässig Lesungen. Eine aktuelle Publikation ist die Luzerner Literatursammlung „Schöferschond“. Um einen nachhaltigen Aufbau des jungen Verlages zu gewährleisten, erhält er für weitere Publikationen und Lesungen eine Starthilfe von je CHF 10‘000.- während drei Jahren. www.derkollaborator.com

Rezensionen „Der Katzenkönig“

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Düster – Düsterer – Der Katzenkönig

 
Daniel Prohart aka Le Pro hatte uns mit Utan und Artik bislang eher Fröhliches beschert. Dies änderte sich schlagartig, als sich letzten Freitag erstmals ein Exemplar seines neuen Comics in unser Haus schlich.
Der Katzenkönig kommt dunkel daher und erzählt die ungute Geschichte eines Buben, der unschuldig schuldig dem Katzenkönig begegnet, der ihn sein Leben kurz nicht mehr loslassen wird.

Die komplett in schwarzweiß gehaltene Geschichte wurde von Stefan Gaffory erdacht und von Le Pro in schmerzhaften Bildern umgesetzt. Schnurren Fehlanzeige.

Der Katzenkönig geht zurück auf einen berühmten und bizarren Präzedenzfall in der deutschen Kriminalgeschichte bei welchem festgestellt wurde, dass hinter jedem Täter auch ein Täter stehen kann – hier nachzulesen. Der wahre Ursprung geht aber noch weiter zurück. In schottischen Fabeln zum Beispiel taucht die Figur des Katzenkönigs teilweise auf und die alten Ägypter wussten sicherlich noch einiges mehr….

Leicht schmerzhaft ist zwar auch der Preis: Bei 26 Seiten im Softcover,
€ 16,95 – allerdings gilt auch hier die Formel: Kleiner Verlag + niedrige Auflage + cooles Cover = hoher Preis. Bei uns erhältlich.

Rezensionen zu „Taschentiger“

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Tiger im Tank

(Von Eva Szulkowski)

Das nennt man wohl Frauenpower: Miriam Spies managt einen Verlag,
organisiert das erste Mainzer Literaturfestival und bändigt neuerdings sogar
Taschentiger. Und das auf eigene Faust.

Miriam Spies wirkt wie jemand, bei dem die Zeit für ein kühles Bier und einen gemütlichen Plausch immer drin ist, selbst wenn sie ganz im Alleingang mitten in der Organisation eines ausgewachsenen Literaturfestivals steckt und nebenbei noch zahlreiche andere Baustellen in Betrieb halten muss. So vor allem den „gONZo“-Verlag, den sie im September 2007 ins Leben rief. Ihr leicht verpeiltes, aber höchst sympathisches Ein-Frau-Unternehmen wird der Lebensphilosophie der Literaturgattung „Gonzo“, die vom Chaosjournalisten Hunter S. Thompson gegründet wurde und zum Verlagsnamen inspirierte, durchaus gerecht.

Miriam Spies’ persönlicher Hunter Thompson, mit dem alles irgendwie anfing, ist der Berliner Filmemacher und Haschrebell Michael Geißler, den die Ex-Germanistikstudentin in Berlin kennenlernte.  „Am Anfang war der Typ echt gruselig: ein Indianer-Magier mit Tipi und Totenköpfen in der Wohnung“, erzählt sie. Ihr Interesse für Geißlers Vergangenheit als 68er-Abenteurer zwischen Drogentrips und Indienreisen und ein für eine zukünftige Grande Dame des Gonzo wohl unverzichtbares Faible für „Typen“ führte dazu, dass sich Miriam der Mammutaufgabe annahm, Geißlers Memoiren in Form zu bringen. „Acht dicke Ordner voller Fragmente, mitten in der Nacht auf Meskalin geschrieben – ganz oft dachte ich bloß: Häh?!“ Davon ließ sich die heute 26-Jährige aber nicht unterkriegen. „Acid, Mao und I Ging – Erinnerungen eines Haschrebellen“ heißt das fertige Produkt. Um es zu veröffentlichen, gründete sie schließlich nach einigen erfolglosen Verlagsbesuchen einfach selbst einen Verlag. Michael Geißler starb ein halbes Jahr vor Fertigstellung des Werkes. „Es kam recht abrupt, es ist sehr schade, dass ich ihm die fertige Version nicht mehr zeigen konnte“, bedauert Miriam. Jetzt ist „gONZo“ einmal da und dank zahlreicher Projekte, Veranstaltungen und innovativer, lebendiger Literaturförderung aus dem Mainzer Kulturuntergrund nicht mehr wegzudenken.

Das neue Gonzo-Kind ist die etwas andere Literaturzeitschrift  „Taschentiger“, mit der man „weg vom Hippie-Drogen-Image“ hin zu neuen Ufern aufbricht. Schräge Kurzgeschichten, tiefe Gedichte, unangepasste Literatur aus Berlin, Mainz und sonstwo stecken in dem kleinen Tiger in praktischem Taschenbuchformat. Von nachdenklich bis extrem und grell sind hier zahlreiche Facetten literarischen Wahnsinns abgedeckt. Der nächste Tiger soll im Sommer erscheinen, sein ganz grobes Motto: „Recht auf Arbeitslosigkeit.“ Wer rein will, schreibt Mails an Miriam. Die beantwortet sogar Post von „Muddis mit Rheinidyllelyrik“, weil sie irgendwie doch vielleicht zu lieb ist. Auch das Literaturfestival organisiert sie nicht in erster Linie zum Selbstzweck. „Eigentlich mache ich das bloß den Leuten zuliebe, denen ich nach diversen Tauschgeschäften zwecks Geldmangels noch was schulde und die unbedingt mal in Mainz lesen wollen.“ So wird das ja nie was mit dem großen Geschäft. Oder vielleicht grade drum? Immerhin bestätigt die Ausnahme doch die Regel. Und überhaupt: Als hätte sich Thompson um Regeln geschert.

(Aus der STUZ # 111 vom April 2009)

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Taschentiger Literaturzeitschrift

(von Tobias Roth)

Zeitschrift No. 5978 und nicht zuviel

Das Editorial der neuen LiteraturzeitschriftTaschentiger, die vom Gonzo Verlag Mainz herausgebracht wird, sagt es mit wunderbarer Deutlichkeit: Besteht die Notwendigkeit einer neuen Literatur­zeitschrift? Natürlich nicht. Ist diese Recht­fertigungen eintreibende Frage aber überhaupt von Belang? Ebensowenig. Die Mainzer Verlegerin Miriam Spies besinnt sich in diesem Punkt auf mit großer editorisch-literarischer Ehrlichkeit: Wir sind reiner Luxus. Punkt. Diese feine, luxuriöse Konzept bedeutet nun aber nicht, dass derTaschentiger nur von Leuten gelesen werden kann, die die verbleibende Lektürezeit auf einer Breguet ablesen, dass er brillant auf foliantenformatiges Photopapier gedruckt ist, und man den neuesten Flash­player herunter­laden muss, um das Druckerzeugnis überhaupt aufblättern zu können. Ganz im Gegenteil hat sich der Taschentiger pur in den Dienst des Nobelartikels Text gestellt, und kommt recht spartanisch daher. Das Schriftbild ist schlicht, und kokettiert nur in Fußzeilen und Über­schriften mit der Schreibmaschine, das Papier ist weiß und in Schwarz wurde gedruckt, auf den 130 Seiten finden sich, von (Eigen-)Werbung abgesehen, nicht mehr als vier Illustra­tionen, und auch dabei ist die Abbildung des Vor­satzblattes schon mitgezählt.

Die seitenstarke Zählung ergibt sich aus der markantesten Äußer­lichkeit des neuen Periodikums, bzw. (ich folge der Selbstbeschreibung) Anti­perio­dikums. Mit einem Wort: Ein Taschentiger hat die Abmessungen eines Reclamheftes, er liegt in der Hand wie die Kreisleriana; die Seiten sind nur wenige Millimeter breiter. Und nun wird man der Herausgeberin mit gebotenem Respekt widersprechen dürfen: so etwas war durchaus nötig. Eine Zeitschrift, die sich geradezu puristisch des Texttransportes annimmt, und dem jungen urbanen Publikum mit urbanem Text und Pragmatismus entgegenkommt: ein Format für U-Bahnen, für die kleinsten Fächer des Rucksacks, ein Tiger in sämtlichen Taschen, ein Büchlein, das sich konzentriert wie ein Riegel oder Schlagbolzen.

Damit endlich zu den Ingredienzien und Inhalten der Nr.1. Der Taschentigerversammelt Texte von noch weitgehend unbekannten Autoren, was allerdings nicht heißen soll, dass noch niemand etwas von ihnen gehört hat, oder man auf hiesiger Homepage nicht fündig wird. In dieser ersten Nummer sind Tom Bresemann, Niklas Hughes, Thomas Jacobs, Dominic Memmel, Ron Mertiny, Holger Sasum, Benjamin Schaefer, Clemens Schittko, Dominik Schönecker, Lutz Steinbrück, Bernd Ternes, Kathrin Weßling und Andreas Wagner zu Gange. Dem Ein-Wort-Motto des Gonzo Verlages getreu geht es hier mehr um Erlebtes, um Sprache, die sich auch sprechen lässt, um Boden unter den Füßen, im Großen und Ganzen mehr als um vertrackte Sprachkristalle; auch wenn einige der abgedruckten Gedichte durchaus mit dieser Sphäre liebäugeln. Im Taschentiger finden sich so ein Bericht von einer Frankfurter Kulturmesse, oder was eine hätte werden sollen, eine Musikreportage in verschiedenen Zeitzonen zu Rio Reiser, Erzählungen, in denen gereist, Zeit verbraucht, ge- und entliebt wird, Betrachtungen von Thomas Jacobs zu Zufall und Chaos, und eine scharf­sinnige Analyse desDschungelcamps von Bernd Ternes, um die bunte Mischung nur anzuschneiden. Dem Taschentiger angeheftet ist eine kleine CD mit zwanzigminütigem Akustikbonusprogramm: gelesene oder zum klang­unter­malten Hörspiel erweiterte Texte und Musik, moderiert von der Herausgeberin Miriam Spies.

Die schon angesprochene Bewegung durch den urbanen Raum kann vielleicht als das natürliche Biotop dieser bunten Mischung angesprochen werden, wozu auch die Länge der Texte stimmt: aber die Qualität der einzelnen Teile genügt auch dem „klassischen“ Lesen in einer bequemen und unbewegten Sitzgelegenheit. Ganz im Gegenteil wird man sich bei solcher stilleren Lektüre freuen, keine Halte­stellennamen mehr im Augenwinkel behalten zu müssen.

(Aus: http://www.poetenladen.de/tobias-roth-taschentiger.htm)

Rezensionen „Kreisklassenhölle“

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Auf den Schwingen von Wut und Irrsinn

(Von Eva Szulkowski)

Der namenlose Protagonist sitzt in den Scherben seiner bescheidenen Existenz, die er selbst in einem irren Drogendeal gnaden- und sinnlos neu zurecht möbliert hatte. Auch sein Körper ist ein einziges Schlachtfeld, und sein Geist – nun, sein Geist… Schuld an allem, darin ist er sich sicher, ist jedenfalls das Dorf. Das Dorf, die „Kreisklassenhölle“, ist im gleichnamigen Debütroman des Karlsruher Autors Stefan Gaffory sowas wie der Bösewicht. Hier gibt es keine sentimentalen Kindheitserinnerungen à la „…und es war doch irgendwie für was gut“, hier wird knallhart mit allem abgerechnet: Dem Spießbruder, den rechtskonservativen Ahnen, den „alten Freunden“ und vor allem dem Dorfleben selbst, das sich in Bürgermeister Wulff, einem typischen Dorfpatriachen, personalisiert. „Kreisklassenhölle“ lebt dabei von seiner herrlich respektlosen Schreibe auf den Schwingen von Wut, Irrsinn und schwarzem Humor und von einem Hauptcharakter, den eigentlich kein Leser ernsthaft leiden können kann – eigentlich. Faktisch gesehen findet man sich in seiner überzogenen Misanthropie und in deren drastischen Konsequenzen viel öfter wieder, als einem lieb sein kann. Dieses Buch ist nicht schön. Es hat Ecken und Kanten, es holpert sprachlich manchmal vor sich hin, aber es ist böse, fatal, originell und macht bei entsprechender Toleranzgrenze diebisch viel Spaß.

Am 18. Februar feierte der Mainzer gONZo Verlag die Veröffentlichung von „Kreisklassenhölle“ im allergutendinge – mehr dazu findet ihr auf http://www.stuz.de

(Aus der STUZ vom April 2010)

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Stefan Gaffory liest aus seinem Debütroman „Kreisklassenhölle“ im Café23 

(Von Anne Engelhardt für Citydisplay)

Der 1973 geborene Karlsruher fällt schon durch sein Aussehen auf: schwarze Brille, schwarze Baseballcap, schwarze Hose, schwarzes Hemd mit Totenköpfen und sein Markenzeichen: er trinkt Bier während der Lesung.

Alles zusammen erinnert an die Punk-Rock-Szene, die auch das ein oder andere Mal in seinen Texten durch-schimmert.

Mitgebracht hat er neben seinem Debütroman „Kreisklassenhölle“ von 2008 mehrere Kurzgeschichten und seinen „Fanclub“, der durch Pöbeln jedoch eher negativ auffällt. Seine Texte sind erschreckend und provokant zugleich, so zum Beispiel die Kurzgeschichte „Der Katzenkönig“. „Der Bub“ findet in einem Hinterhof eine tote Katze, landet in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, danach in einem betreuten Wohnen für psychisch auffällige Jugendliche und endet schließlich als Stricher auf einer Bahnhofstoilette, bevor er sich vor den Zug wirft.

Sein Roman handelt von einem Außenseiter, der auf dem Dorf wohnt und schließlich in der Punkszene landet. Nach seiner Ausbildung als Altenpfleger entschließt er sich, ein neues Leben anzufangen, in eine größere Stadt zu ziehen und dort zu studieren. Er wird zum Einzelgänger, beschäftigt sich mehr mit Drogen, Party und Heidegger, als mit seinem Studien, wird zwangsexmatrikuliert und sinkt noch tiefer ab.

Gaffory war bemüht seine Texte lebendig vorzulesen, seine Begeisterung auf das Publikum zu übertragen, was jedoch häufig übertrieben rüberkam. Gute Ansätze waren auch dabei, leider endete sie meist im Nichts. Seine teilweise sehr anstößigen und vulgären Formulierungen, passend dazu das Bier auf dem Lesepult und der „Fanclub“, der auch durch Pöbeln des Autors bei Stimmung gehalten wurde, war wenig stilvoll.

(Aus: Succulture, URL: http://succulture.de/der-autor-stefan-gaffory-liest-aus-seinem-debutroman-%E2%80%9Ekreisklassenholle%E2%80%9C-im-cafe23/)

Rezensionen „Acid, Mao und I Ging“

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MICHAEL GEISSLER, MIRIAM SPIESS (Hrsg.): Acid, Mao Und I Ging – Erinnerungen Eines Berliner Haschrebellen

(Aus: The Spine, URL: http://www.the-spine.de/buecher/michael-geissler-miriam-spiess-hrsg-acid-mao-und-i-ging-erinnerungen-eines-berliner-haschreb)

„Never trust a hippie“ steht auf einem T-Shirt, das mein Mann im Schrank liegen hat und bei den unmöglichsten Gelegenheiten trägt. Ich glaube, das hat er irgendwann mal seinem besten Kumpel abgeluchst oder es gegen eines von seinen getauscht. Bei „Acid, Mao Und I Ging – Erinnerungen Eines Berliner Haschrebellen“ passt der Spruch jedenfalls wie die Faust auf’s Auge, denn was der Leser davon für bare Münze nehmen kann, darf oder soll legt Autor MICHAEL GEISSLER von Anfang an in dessen Hände. Er legt ihm aber vor allem eines in die Hände: sein Vermächtnis, seine Lebensgeschichte. Denn dessen Veröffentlichung im eigens dafür gegründeten Gonzo-Verlag durfte der bekannte Videokünstler, Lebenskünstler, Haschrebell und Gründer der VAM-Future-Kids selbst nicht mehr erleben.
Wir sollen ihm kein Wort glauben, uns aus seinen Erzählungen über sein Leben nehmen, was wir brauchen können und den Rest einfach vergessen. Dieser Rest war dann wohl nicht für uns bestimmt. Sehr hippie eben. Warum sollte sich also ein Goth für dieses Buch interessieren? Nun, es gibt mehrere Gründe, aber der wichtigste ist wohl der: Meine Güte, kann der Mann Geschichten erzählen. Ob oder wie wahr sie am Ende sind, spielt dabei eigentlich keine so erhebliche Rolle mehr. Wir dürfen uns einfach zurücklehnen, den Autor erzählen lassen und träumen. Uns mitnehmen lassen auf seine Reisen, bei denen die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traumwelt ineinander übergehen. Manches wollen wir dabei zu gerne glauben, bei Anderem wiederum lieber gar nicht zu Mitwissern werden, aber ab einem bestimmten Punkt können wir uns das nicht mehr aussuchen. Wir sind der Spinne doch ohnehin schon ins Netz gegangen und nun spinnt sie ihr schillerendes Netz um uns. Auf LSD doch nach wissenschaftlichen Erkenntnissen ja umso feiner… Dass mancher Traum dabei auch mal zu einem Albtraum werden kann, liegt in der Natur der Sache. Wissen wir doch auch nie, wenn wir einschlafen, was wir träumen werden.
Als ein Kind der harten Nachkriegsjahre lässt sich nachvollziehen, warum der Autor nach einem „life to the full“ lechzte, sich dann so viele Träume wie möglich erfüllte, seinen Hexenmeister und den Sinn des Daseins suchte und warum er dann im Wissen um den nahenden Tod alles aufschreibt. Traumatisiert waren wohl viele, die wenigsten aber haben aus den Traumata Träume gemacht und gelebt. Es gab also noch viel anderes in Deutschland um 1968 als Ulrike Meinhof, Rudi Dutschke und Konsorten und denen gegenüber ein Spießbügertum, das mit seiner eigenen Vergangenheit nicht klarkam. Es gab offenbar Kinder der Zukunft, die in diesen Jahren die beste Zeit ihres Lebens lebten, mit dem Unterschied, dass MICHAEL GEISSLER damit wohl nie ganz aufgehört hat.
An dieser Stelle auch nur eine seiner spleenig-schrullig-flapsig erzählten Geschichten vorwegzunehmen wäre unfair, denn darauf muss sich der Leser einlassen. Tut er das und lässt sich dabei nicht vom enormen Ego des Autors abschrecken, stößt er mitunter auf sehr erkenntnisreiche und teils überraschend bodenständige Ansichten. Und es erwarten ihnen Geschichten, die ihm Schauer über die Haut jagen, mal aus Vergnügen, mal aus Grauen.
Und wie sagte RUBEN STILLER in der letzten Ausgabe des Presseclubs hier im finnischen Fernsehen so treffend: „Nichts ist unbedingt wahr. Eine gute Geschichte siegt in dieser Welt immer über die Wahrheit.“ Und dann wünscht er allen immer Seelenfrieden. In diesem Sinne mielirauha kaikille.

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Kurioses aus den Aufzeichnungen eines Haschrebellen

(Aus: Tiefe.de, URL: http://www.tiefe.de/rez_geissler-haschrebell.html)

Wer in den 60ern dabei war und sich noch an irgendetwas erinnern kann, was tatsächlich passiert ist, der war angeblich nicht wirklich dabei und war wahrscheinlich nicht richtig high. Der 2003 verstorbene Berliner Haschrebell Michael Geißler war definitiv dabei. Seine jetzt posthum veröffentlichten an Münchhausen und Castaneda erinnernden irrwitzigen Kifferstories, Trips zu hirnspeisenden serienmordenden Gurus, steinalten Arsenikessern, mit von Meskalin erleuchteten Terroristen, durchgeknallten Makaken, auf Satanistenärsche niederfahrenden Kugelblitzen, Elfentänzen und dergleichen, geben einen immerhin amüsanten Einblick in die ausufernde Phantasiewelt und Denke eines schelmischen Extremisten einer bizarren Szene von mehr oder weniger sympathischen SpinnerInnen einer Zeit, in der Alles möglich schien – Klolektüre.

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Acid, Mao und I Ging

(von Roland Grieshammer)

Der 2003 verstorbene Video-Pionier Michael Geißler hat seine Erinnerungen zu Papier gebracht, und der extra dafür von Miriam Spies gegründete Gonzo-Verlag hat sie nun unter Mithilfe von Melanie Zöllner, mit einem Vorwort von Werner Pieper und einem Nachwort von Peter Pannke gedruckt. Michael Geißler, 1942 in Berlin geboren, war ein Linker innerhalb der 68er Bewegung, Weltreisender, 1. Vorsitzender des Zentralrats der umherschweifenden Haschrebellen („Ein Gag – wir waren alle erste Vorsitzende!“), Revoluzzer, Magier, Mystiker, Geschichtenerzähler, Lebenskünstler und Visionär. Auf der Suche nach alternativen Lebensformen lebte er in Kommunen in Berlin, Sardinien und an anderen Orten und engagierte sich bei sozialen Projekten wie der Gründung von alternativen Kinderläden. Gemeinsam mit den V.A.M.-Future-Kids, eine der ersten alternativen Mediengruppen in Deutschland, produzierte er seit 1969 rund 370 dokumentarisch-spielerische Videoarbeiten, die heute im ZKM in Karlsruhe aufbewahrt werden. In diesem prosaischen Zeitgeist-Portrait stehen Geschichte und Geschichten untrennbar nebeneinander. Ohne dabei zu glorifizieren berichtet er – mal nachdenklich, mal selbstironisch, mal nostalgisch – mit seiner Berliner Schnauze vom Leben in Kommunen, der Arbeit der Kinderläden, ersten Drogenerfahrungen, Politaktionen und der sexuellen Revolution, von Knasterfahrungen, (Spaziergänger-)Demonstrationen, der ersten LSD-Küche Berlins und von langen Reisen nach Indien, Italien und zu sich selbst. Seine frivol-psychedelischen Erzählungen lassen einen oft zugleich verständnisvoll schaudern und hysterisch lachen, allerdings mag ich seine politisch-unkorrekten Ausreisser und dieses frauen- bzw. schwulenfeindliche 68er Männergeschwätz von „freier Liebe“ überhaupt nicht, vor allem wenn man sich selbst als „Feminist“ bezeichnet, während andere ihn „Porno-Geißler“ nannten. Nicht nur in dieser Hinsicht schien der Mann auf dem Stand eines Sommers zwischen 1967 und 68 hängen geblieben zu sein. Und was dieses Buch mit Mao und I Ging zu tun hat, habe ich nicht begriffen, da Mao lediglich als Poster auf dem Kommuneklo erwähnt wird. Insgesamt aber ganz amüsante Zeitgeschichte …

(Aus: hanfjournal.de, URL: http://www.hanfjournal.de/hajo-website/artikel/2008/09september/s08_0908_berliner-haschrebellen.php, 08.09.08)

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Michael Geißler – Berliner Haschrebell

Michael Geißlers Lebenserinnerungen „Acid, Mao und I Ging“  (Von Kay Ziegenbalg, Die Berliner Literaturkritik)

Michael Geißler war ein Berliner Haschrebell. „Wir haben nicht das Bruttosozialprodukt gesteigert. Aber wir haben uns selbst bereichert. Und wir haben dabei niemandem geschadet!“ „Acid, Mao und I Ging“ ist die erste Veröffentlichung des Mainzer Gonzo Verlags, der sich als „inoffizieller Verlag für eine bessere Welt“ vorstellt und mit der Note „inoffiziell“ einen hilfreichen Fingerzeig auf den ersten Titel macht.

Zwischen dem Fachchinesisch der Dutschke-Tagebücher und dem trockenen Bericht á la zurückgelehnte Autobiografie schreibt sich Geißler durch seine Lebenserinnerungen, die nicht gänzlich seinem Leben entsprechen können ob der Magie, die sich in Form ominöser Gurus, Pechspiegel-Sitzungen, LSD-Küchen und der konsumgütergestützten sexuellen Befreiung (Wasserbett) breit macht. Ganz wenig Mao und genug Acid fürs I Ging erwarten den Leser, der sich allerdings wappnen sollte für ein kumpelhaftes Du. Denn hier erzählt der Onkel, wie das damals so war – was sich Nachgeborene ja ohnehin nicht vorstellen können. Der Tonfall ist demnach freundlich und mit dem übersetzten Timothy Leary oder Burroughs’ Junkie („Zufällig hatte ich einige Unzen Marihuana zu Hause.“) verwandt. Freunde dieses Metiers werden Gefallen an den lakonisch berichtenden Passagen des Buches haben. Politische Mitteilungen stehen nicht im Vordergrund.

Geißler erzählt und erzählt…und konzentriert sich nicht auf das Geschehene, keine Wahrheit, sondern das wörtlich Erinnerte. „Und glaub auch mir kein Wort“ mahnt er ebenso an wie „bei der Wahrheit zu bleiben (…) ist meine feste Absicht.“ Genau das war zu erwarten. Letztlich wirkt das sehr konstruiert und mindestens halbfiktional. Aber Geißler trifft einen wahren Kern, wenn er sagt: „Selbst die Geschichte der 60er und 70er Jahre setzt sich doch nur zusammen aus all den Geschichten derer, die diese Zeit erlebt haben.“

Im Kindesalter ereilt ihn kurz nach Ende des 2. Weltkriegs die erste Vision. Er würde alle Tiere aus dem Zoologischen Garten befreien. Dieses Kapitel steht—profan betrachtet—als Initialerlebnis für die Hinwendung zu den Hippies. Ganz gleich, ob Floß oder Wasserbett: „Klamotten brauchte ich eh nicht, Geld kaum.“ Was folgt, ist eine konsequente Auseinandersetzung mit glorreichen Klischees über die freie Liebe, Drogen, die besondere Achtung gegenüber Mitmenschen und dem kurvigen Weg zur Selbsterkenntnis. Bleibt zu sagen: Don’t do this at home, kids!

Falls etwas überhaupt nicht nötig gewesen wäre, dann ist es Geißlers über alle Maßen prophetisches Fazit, dass eigentlich gänzlich hier zitiert werden müsste. Das ist schlimmer als die betont fetzigen Texte, die stets auf den Hüllen von Frank Schöbels Kinder – LPs auftauchten. Tragisch ist dabei, dass Geißler am Ende Opfer einer selbsterfüllenden Prophezeiung wurde: „Du bist aus einer anderen Generation und empfindest die gesellschaftliche Kälte (…) gar nicht so.“ Na, wenn wir das gleich gewusst hätten…

(Aus: Berliner Literaturkritik, URL: http://www.berlinerliteraturkritik.de/detailseite/artikel/michael-geisler-der-berliner-haschrebell.html, 08.06.09)

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Acid, Mao und I Ging – Archäologie des Guten

(von Achmed Khammas am 02.08.08)

Unter dem Titel ‚Acid, Mao und I Ging’ erschienen im eigens dafür gegründeten Gonzo-Verlag vor kurzem die Erinnerungen des leider schon 2003 verstorbenen Berliner Hasch-Rebellen, Video-Pioniers und Titten-Liebhabers Michael Geißler.

Seine frivol-psychedelischen Erzählungen über Dinge wie die erste LSD-Küche Berlins, den fast ununterbrochenen Konsum aller Arten von Rauschmitteln (darunter einige, die selbst TAZ-Lesern unbekannt sein dürften!!), seine weltweite Suche nach Gurus und Heiligen sowie die höchst lehrreichen Berichte über Demos, Razzien und Knastaufenthalte lassen einen oft zugleich verständnisvoll schaudern und hysterisch lachen – und sind wesentlich authentischer als alles, was bislang unter dem Motto ‚40 Jahre nach 1968’ erschienen ist.

Denn genau so war es damals… die Bräute waren wunderschön, allzeit bereit und hatten meist sogar ein kleines Turnpiece in der Tasche. Wen wundert es also, daß die ‚Men’-schheit sich nach dem Paradies zurücksehnt?!

(Aus: blogs.taz.de, URL: http://blogs.taz.de/datenscheich/2008/08/02/acid_mao_und_i_ging/)

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Gonzos Haschrebellendebut

(von Ingo Bartsch)

Erstaunlich, wieviele 68er sich noch an 1968 erinnern können. Viele von ihnen erzählen im Fernsehen davon, andere schreiben ein Buch. Ob auch wir dereinst über das wilde Jahr 2008 schreiben werden? („Wir waren zu allem bereit. Wir tranken V+ Lemon und schrieben ,BA/MA-Umstellung sucks’ auf  Klowände.“) Wie auch immer. „Erinnerungen eines Berliner Haschrebellen“ werden es nicht sein. Die gibt es aktuell aus dem Hause Gonzo. Es ist das erste Buch überhaupt, das der junge Verlag, gegründet von der jungen Mainzerin Miriam Spies, publiziert. Autor Michael Geißlers saloppe Schreibe liest sich angenehm, die überwiegend kurzen Sätze sind authentisch  anekdotenhaft – was daran liegen könnte, dass Geißler nicht als pseudoambitioniertes Poetenprodukt der Postmoderne betrachtet werden darf, sondern als Sachbuchautor, der seinen autobiografischen Stoff auf ungezwungene Weise transportiert. Gibt’s am 12. Juli übrigens live im Pengland.

(Aus der STUZ #103 vom Juli 2008)


			

Rezension „Großtyphien schlägt zurück“

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Im Ameisenreich Großtyphien bricht ein Kriegsgemetzel aus, Liebe erscheint hier fast schon seltsam. Der Ameisenpräsident Kurt hat derweilen „in den langweiligen Schreibtischstuben des Regierungskomplex“ zu tun. Außerdem: Mitten im Wahlkampf kämpft auch er. Da die Medien, aus deren Sicht das Buch geschrieben ist, alle Geschehnisse um den Präsidenten in ein Gutes Licht rücken, liebt ihn sein Volk. Und am Wahltag? Keine Frage wohin mit dem Vertrauen für die bevorstehende zehntägige Legislaturperiode. „Also Kreuzchen bei Kurt und weg damit, wir sind schließlich zufrieden mit ihm, er hat gute Arbeit geleistet.“ So zeigt der Autor Matthias Boosch: Der Politiker macht die Politik. Der Wähler wählt und trägt so die Verantwortung für sich und auch andere, wobei oft die Meinungsmache der Medien nicht als solche wahrgenommen wird. Dass sich das arbeitsame, stets dienende Ameisenvolk prima dazu eignet, ihm menschliche Züge anzudichten zeigten schon Filme wie „Antz“ oder „Das Große Krabbeln“. Jedoch geht der Autor mit seiner Polit- und Mediensatire seinen ganz eigenen Weg. Gut so.

(StuZ, Oktober 2009, von Franziska Martin)

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Ameisen erleben ihren 11. September

Die Rhein Zeitung veröffentlichte am 5.7.2010 diesen Artikel: http://www.mainz-neustadt.de/ameisen.jpg

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„Rache ist der Versuch eine ungerechte Welt zu heilen“

(Aus der unipress vom Juni 2010)

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Ein Ameisenstaat schlägt zurück

(Aus dem Bischofsheimer Lokalanzeiger vom 18.3.2010)

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Kriegerische Ameisen
Frei-Weinheimer Matthias Boosch veröffentlicht Satire auf Busch-Ära

Nach einem Terroranschlag auf den Großen Haufen, das Machtzentrum Großtyphiens, fährt der mächtigste Staat im Wald seinen Kriegsapparat auf. Unzählige  Bienenbomber und Hirschkäferpanzer rücken aus, um die Drahtzieher des Attentates, Felsmeerameisen und Feuerameisen, zu bekämpfen. Die Handlung von „Großtyphien schlägt zurück“ wirkt zunächst skurril und absurd. Bei genauerem Lesen verbirgt sich hinter dem Erstlingswerk des Frei-Weinheimer Autors Matthias Boosch jedoch eine fantasievolle Politik- und Mediensatire auf die amerikanische Außenpolitik der Ära Bush. Das 120 Seiten umfassende Buch stellt die Absurdität des militärischen Rundumschlags und die in den Medien verbreitete Kriegspropaganda überzeugend und unterhaltsam dar. „Die Invasion in den Irak war der erste Krieg, von dem Reporter hautnah berichteten. So ging Objektivität und Distanz zwischen Militär und Medien verloren“, erklärt Boosch seine Gründe, das Thema zu behandeln. Aufgewachsen ist der 28-jährige Student der Buchwissenschaften im hessischen Bischofsheim. Nach einem längeren Aufenthalt in Lettland zog es ihn vor zwei Jahren nach Ingelheim.  Derzeit verarbeitet Matthias Boosch seine teilweise skurrilen Erlebnisse aus dem Baltikum. In der lettischen 9 000- Einwohner-Stadt Limbazi lernte der junge Autor eine ganz andere Lebenswirklichkeit kennen – beispielsweise Menschen, die von 80 Euro im Monat leben und in ihrer Freizeit deutsches Fernsehen schauen, ohne auch nur ein Wort zu verstehen. Die bittere Armut bekam Matthias Boosch am eigenen Leib zu spüren. Er wurde Opfer eines bewaffneten Überfalls, bei dem es die beiden Ganoven ausschließlich auf den Inhalt seines Kühlschranks abgesehen hatten. Dennoch äußert sich der junge Mann positiv über seine Erfahrungen. „Eines meiner Hobbys ist es, neue Menschen kennen zu lernen und zu analysieren. Das habe ich in Bischofsheim und Lettland getan und jetzt sind eben die Ingelheimer an der Reihe“, sagt er lachend. Erschienen ist „Großtyphien schlägt zurück“ im Mainzer Gonzo-Verlag. Die Zusammenarbeit eines jungen Autors mit einem noch jungen Verlag scheint zu funktionieren. Jedes Exemplar ist sehr liebevoll mit einem Linoldruck und einem Ameisen-Lesezeichen gestaltet. Derzeit ist Matthias Boosch mit seinem Werk auf Lesungen im Rhein-Main-Gebiet unterwegs, die von der örtlichen Presse als mitreißend gelobt werden. „Mein Buch schildert die Ereignisse aus der Sicht eines Kriegsberichterstatters. Daher braucht es den Vortrag“, so Boosch. Das hat die Ingelheimer Stadtbücherei als Veranstalter von Lesungen in der Rotweinstadt leider noch nicht erkannt. „Mir wurde gesagt, mein Werk sei zu avantgardistisch. Daher werde ich nun privat eine Lesung organisieren.“ Um die Zeit bis dahin zu überbrücken, kann man Freunden satirischer Literatur Matthias Booschs Erstlingswerk „Großtyphien schlägt zurück“ mit gutem Gewissen ans Herz legen.

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