Rezensionen „Marock’n’Roll“

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Marock’n’Roll (von Peter Schütt)

Viele Wege führen nach Rom, und manche führen sogar darüber hinaus, weit darüber hinaus in die Wüste, bis nach Jerusalem, nach Marrakesch und Mekka oder bis nach Indien, nach Amritsa oder Poona. Einer der ersten postmodernen Orientreisenden war Paul Gerhard Hübsch, der sich nach seiner Rückkehr und Umkehr den Namen Hadayatullah gab, der von Allah Rechtgeleitete. Bezeichnend ist der Zeitpunkt dieser Pilgerfahrt: Frühjahr 1969, im Jahr danach, nach dem Überschwang, dem Rausch und der Ernüchterung der 68er Bewegung. Enttäuscht von den einschlägigen Erfahrungen in der Westberliner Kommune 1, vom Frankfurter Schulwesen und vom Misserfolg des eigenen Undergroundladens und gesundheitlich ruiniert durch allzu viel Hasch- und LSDkonsum machte sich der junge Dichter zusammen mit seiner Lebensgefährtin Heidi auf nach Marokko, um in der Einsamkeit und in der Wüste nach Heilung zu suchen.
Seine Suche blieb nicht vergeblich. Am Rande der Wüste, vor den Toren von Marrakesch, wird er von einer überirdischen Kraft gepackt. Sie öffnet ihm sein inneres Auge und zwingt ihm, zum Gebet niederzufallen: „Oh Allah, bitte reinige mich!“ Von dieser mystischen Erfahrung handeln die Gedichte von Hadayatullah Hübsch, denen er den treffenden Titel „Marock’n’Roll“ gegeben hat. Ein Hauch von Arthur Rimbaud liegt über diesen balladesken Versen. Sie sind von einer rimbaudschen Mischung aus Hasch, Weihrauch, Rausch, Wüstensand und innerer Erleuchtung geprägt. Allerdings kommen die Hübschen Elegien weniger berauscht und trunken daher als bei seiner französischen Lehrmeister. Das liegt nicht zuletzt am historischen Abstand. Der Autor war zwar, als er in die arabische Wüste aufbrach, kaum älter als Rimbaud auf seiner Jemenreise, aber er hat seine Gedichte aus großer zeitlicher Distanz geschrieben, vierzig Jahre später, als innerlich gereifter und fast schon weiser Alter.
Das Pathos des früh Erweckten und Bekehrten wird durch Selbstironie gefiltert. Hadayatullah Hübsch ist sich selbst historisch geworden, er kann seine marokkanischen Rock’n’Roll-Eskapaden einordnen in die Atmosphäre der frühen Siebzigerjahre, der Zeit der Hippies, der Flower Power und der Hare-Krishna-Jünger. Damals lag der Platz der Märchenerzähler in Marrakesch nicht aus der Welt, sondern war ein internationaler Treffpunkt der Rockmusiker, der Schwulen und der Outlaws aus Amerika und aus Westeuropa. Hübsch war mitten unter ihnen, aber Allah sei Dank ist er dort nicht stehen geblieben, er hat seine Lebensreise zielstrebig fortgesetzt – nicht in der Wüste, sondern in mitten in Deutschland, in Frankfurt.

Marock’n’Roll (Hanfjournal Ausgabe #118 | 05.10)

Der Ende September 2007 in Mainz von Miriam Spies gegründete gONZo verlag versteht sich als Nischen- und Undergroundverlag, steht für subkulturelle Bücher und Veranstaltungen und ist als Schnittstelle und Treffpunkt gedacht, an dem Literatur nicht nur verlegt wird, sondern Raum zum Entstehen hat. Über die erste Publikation „Acid, Mao und I Ging“ habe ich euch ja bereits im September 2008 berichtet. Ende 2008 erschien die Literaturzeitschrift „Der Taschentiger“, die junge Autoren aus ganz Deutschland vereint, und nun gibt es einen lesenswerten Lyrik-Band mit 25 abgedrehten Beatgedichten und sechs Acid-Collagen. „Im Frühjahr 1969 fuhren meine Freundin Heidi und ich nach Marrakesch. Ich hatte meine psychische Gesundheit durch zu viel LSD ziemlich ruiniert und hoffte, in Marokko Frieden zu finden und mich zu regenerieren.“ Von dieser Reise handeln diese Gedichte. In einer schönen Bildersprache wird hier sehr detailverliebt von interessanten Alltagserlebnissen erzählt, so dass man quasi per Kopfkino vieles nachempfinden kann. Man fährt über die einsamen Landstrassen Marokkos oder läuft über einen Basar und bekommt hier und da richtig Appetit auf Baguette und den Lachenden Kuhkäse, während man im Hintergrund die Bongo-Trommeln hört und die friedliche Sonne Marokkos langsam untergeht. Man fragt sich, was Freundschaft auf Arabisch heisst und taucht für 64 kurzweilige Seiten ein in das kulturelle Leben zwischen Chefchaouen, Tanger und Marrakesch. – Bereits 1969 der Glaubensgemeinschaft Ahmadiyya Muslim Jamaat beigetreten, befasste sich der seit langem in Frankfurt a.M. lebende Hadayatullah Hübsch in seinen Büchern und Artikeln auch stets mit dem Islam. Er veröffentlichte unzählige Bücher, Essays, Hörspiele, ungezählte Beiträge in prominenten Tageszeitungen, Zeitschriften und Anthologien, mehr als 100 Printpublikationen, diverse CDs – und nun „Marock’n’Roll“ („… meine Gedichte gleiten über deine Straßen.“). Vor allem diese Texte unter dem Label „Beat-Literatur” sind geprägt von Sprachspiel und -rhythmus, die man in dieser Form nur selten bei deutschen Lyrikern findet.

Marock’n’Roll (von Anne Engelhardt)

Pünktlich zur Leipziger Buchmesse im März 2010 ist die sechste Publikation des Mainzer gONZo Verlags erschienen. Marock’n’Roll ist ein 64-seitiger Gedichtband von Hadayatullah Hübsch in dem es um eine Reise durch Marokko geht.
„Im Frühjahr 1969 fuhren meine Freundin Heidi und ich nach Marrakesch. Ich hatte meine psychische Gesundheit durch zu viel LSD ziemlich ruiniert und hoffte, in Marokko Frieden zu finden und mich zu
regenerieren.“ Von dieser Reise handeln diese Gedichte. Zunächst einmal die Beschreibung „Beatgedichte“ gibt
einige Rätsel auf. Was sind Beatgedichte? Auch der Inhalt der Gedichte ist auch nicht auf Anhieb zu verstehen. Wenn man sich allerdings von der metaphorischen Sprache leiten lässt, dringt man in der Welt des Autors an. Geschrieben wurde der Gedichtband in der Ich-Erzählform, und, was wohl als erstes auffällt, ohne Reimschema. Der Protagonist befindet sich mit seiner Freundin und einem „vergammelten“ Opel Blitz auf Tramping-Tour „auf der Suche nach Kicks und Wiederbelebung“. Beschrieben werden neben Begegnungen mit Einheimischen unter
anderem Auswirkungen der LSD-Trips des Erzählers. Nachdem die beiden Abenteuerlustigen die Stadt Chechaouen hinter sich gelassen haben, steuern sie ihr eigentliches Ziel, Marrakesch, an, wo sie mit Baguette und „lachendem Kuhkäse“ durch die Nacht schlendern. Immer wieder gibt es Passagen, die den inneren, psychisch angeschlagenen Zustand des Protagonisten zeigen, der jedoch ein Auge für viele Details. Besonders ausgeprägt ist dabei sein optischer Analysator sowie der Geruchssinn.
Marock’n’Roll ist allein schon durch das ungewöhnliche Format (16,8 x 24 cm) kein Mainstream-Buch. Mainstream würde aber der 2007 von Miriam Spieß gegründete gONZo Verlag, der sich auf subkulturelle Literatur spezialisiert hat, auch nicht veröffentlichen Die wunderbar nachzuempfindende Sprache, gelegentlich gespickt mit Anglizismen, die ausgeprägten Details und die passenden Collagen machen den Lyrikband des 1956 geborenen Autors zu einem einzigartigen, lesenswerten Werk.
Mit diesem Gedichtband gelingt dem „Mainzer-Mini-Verlag“ ein Volltreffer!

Rock’n’Roll-Pilger (von: mojiques)

In seinem aktuellen Gedichtband besinnt sich Hadayatullah Hübsch, der Nestor der deutschen Beat-Poetry, auf eine Zeit in seinem Leben, die diesem eine entscheidende neue Richtung verliehen hat. Im Jahr 1969 begibt er sich, von LSD an Leib und Seele zerrüttet, auf eine Reise nach Marokko. Dort widerfährt ihm in der Unwegsamkeit völlig unvorbereitet, dass aus seinem tiefsten Inneren ein Flehen emporsteigt, Allah möge seine Seele reinigen, ohne dass er sich je zuvor mit dem Islam beschäftigt hätte. Wenn Hübsch nun nach über 40 Jahren auf sein Annus mirabilis zurückblickt, spürt man noch immer sein Staunen über das, was gewesen und wie es gekommen ist. Wahrscheinlich braucht man für derart intensive Erlebnisse soviel Abstand, um sich ihnen vorsichtig nähern zu können.
Die Sprache, in der die Gedichte gegossen sind, lässt erkennen, dass Worte für Hübsch Freunde sind, keine Gegner. Er zwingt sie nicht in feste Reime, es gibt auch kein Rap- oder Hip-Hop-Stakkato, wie man es vielleicht noch von seinen legendären Batschkapp-Gedichten kennt, nein, es ist eher ein Wiegen und Rollen in Marokko, Marock’n’Roll, der Buchtitel führt keineswegs in die Irre. Lange Beatpoeme pulsieren im Atemrhythmus:

Die weißen Wände von Chechaouen,
In die Abenddämmerung getaucht,
Und wir mit unserem Opel Blitz
Auf der Suche nach Kicks und Wieder-
Belebung, in der luftigen Höhle
Amerikanischer Hippies eingekehrt,
Den Kopf zugeballert,
Gedanken in der Luft laut geworden,
Und zu „A man loves a woman“
Aus dem Labyrinth in die elende Nacht,
Das Grauen im heißen Hotel,
Der Leib eine Hölle,
Die Seele ein Fetzen,
Und dann auf nüchternen Magen einen
Trip, mit Pfefferminztee runtergespült, (…)

Auch wenn es überraschend klingen sollte: Diese Gedichte haben etwas Spirituelles, sie berichten in Wirklichkeit von einer Pilgerreise. Natürlich eher eine Pilgerreise, wie sie einst die Wanderderwische unternommen haben, und nicht dieses unsägliche Jakobsweg-Gequäle, das einem in den letzten Jahren en masse in Buchform zugemutet wird. Bei Hübsch steht nicht der Stolz auf die vermeintliche Läuterung im Vordergrund, vielmehr klingt überall der tiefe Schmerz durch, der den Pilger erst zur Suche treibt. Das abschließende Gedicht “Gipfel“ beschreibt dann auch weniger einen Gipfelsturm, sondern lässt einen langen stetigen, von Rückschlägen gezeichneten Aufstieg erahnen.
Der Gonzo-Verlag hat diesen Gedichtband ansprechend gestaltet und mit atmosphärisch passenden psychedelischen Collagen illustriert.

Marock’n’Roll (Medienspiegel der Deutsch-Maghrebinischen Gesellschaft Juni 2010)

1969 im Opel Blitz durch Marokko, davon erzählen die Gedichte des Frankfurter Imams, der damals noch den Vornamen Paul-Gerhard trug. Linker 68er und Hippie, machte er mit Freundin Heidi eine Reise wie viele damals. Man ernährte sich hauptsächlich von Cola, Baguette und Schmelzkäse, man hörte bekifft Songs wie „When a man loves a woman“ oder „No milk to-day“. Man trommelte und malte psychedelische Bilder. All dem gibt der Autor eine poetische Form in erzählenden reimlosen Gedichten. Vielleicht lag es auch an dieser Reise, dass er noch im gleichen Jahr zum Islam konvertierte. Wer auch als Hippie in Marokko war oder diese Zeit nachfühlen möchte, wird an dem Büchlein Freude haben. Die letzten sechs Gedichte sind Flo-rian Vetsch gewidmet, was zur nächsten Veröffentlichung führt.

*****

HADAYATULLAH HÜBSCH: Marock’n’Roll – Beatgedichte

(Aus: The Spine, URL: http://www.the-spine.de/buecher/hadayatullah-h%C3%BCbsch-marock%E2%80%99nroll-%E2%80%93-beatgedichte)

„Marock’n’Roll“ von HADAYATULLAH HÜBSCH ist voller feiner Verse über eine berauschende Reise durch Marokko. So bunt das Farbenspiel Afrikas ist, so bunt sind auch die Zeilen HADAYATULLAHs. Ende der sechziger Jahre befuhr unser Beat-Autor mit seiner damaligen Freundin Heidi in einem Opel das Land der Oasen und der Wasserpfeifen. Viel Staub, viel Rauch und schön wirre Gedanken sind dabei heraus gekommen. HÜBSCH wollte auf dieser Reise seinen Geist kurieren und zur Ruhe kommen. Die entstandenen Gedichte strahlen aber nicht nur Frieden aus, vielmehr zeugen sie auch von großer Unrast. Viel Haschisch schien da im Spiel gewesen zu sein. Ein wenig erinnert das Geschriebene an die Berichterstattung eines CHARLES BAUDELAIRE über den Gebrauch der alten Assassiner-Droge. Teilfusion von Seele, Land, Leute, Religion und sogar das Aufbegehren gegen Gewohnheit, Liebe und Normativität wird in den Gedichten verwertet. Das Büchlein zeigt uns den Ansatz die 68er Zeit aus einem neuen, anderen Blickwinkel – durch einen Schleier des Sandsturms, wie man ihn nur in einer Wüste findet. So bieten sich durch Eigeninterpretationen, die Augen nicht wahrnehmen können, neue Ansätze, um das Land Marokko zu erfassen. So entstand ein ruhiger Gedichtband mit wirklich schönen Collagen, die ihren ganz eigenen Charme versprühen und das Erlebte HÜBSCHs nur noch unterstreichen können.
Fazit: Wüstenfarben und Fahrtwind im Gesicht: Die vorherrschenden Eindrücke täuschen nicht über die Tiefe der Worte hinweg, die auch noch Stunden nach dem Konsum nachhallen.

Rezensionen „status geändert“

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Titel-Magazin:
Buy one, get one free, und das nochmal zum halben Preis

Das KOMMANDO EL3KTROLYRIK zwischen Konsumrausch und Social Media. Von STEFAN HEUER

Wer bei Gonzo an den langnasigen Stuntman aus der von 1977 bis 1981 in die deutschen Wohnzimmer flimmernden Muppet Show denkt, die in 120 Folgen nicht nur Schweine im Weltall, sondern in jeder Folge auch einen Gaststar aus dem Showbusiness präsentierte, liegt natürlich nicht ganz daneben. Wer jedoch im Internet das gONZoversum betritt, befindet sich auf der Seite des in Mainz beheimateten gONZo-Verlags, der, in Anlehnung an den ehemaligen »Heidi Loves You«-Shop des vor kurzem verstorbenen Hadayatullah Hübsch dort auch den »gONZo Loves You«-Laden betreibt und neben Büchern auch Lesezeichen und Postkarten, aber auch extravagantere Produkte, wie Rosen aus verrostetem Stacheldraht und Beton unter das Volk bringt. Dafür, dass sich das Programm des Verlags nur schwerlich in Schubladen packen lässt, findet Verlegerin Miriam Spies einfache Worte: Wir orientieren uns nicht an dem, was normale Verlage, Buchhandlungen oder Veranstalter so machen: Wir machen einfach, worauf wir grade Böcke haben. Für diesen Sommer ist ein Gedichtband von Hübsch angekündigt, aber auch ein Roman des ehemaligen Tote-Hosen-Schlagzeugers und Filmemachers Trini Trimpop.

Aktuell neuestes Produkt aus dem gONZoversum ist die EP Status geändert vom KOMMANDO EL3KTROLYRIK, einem 5-köpfigen Künstlerkollektiv, das seine Texte und Themen direkt aus dem »postmodernen Alltag« bezieht und mit elektronischer Musik hinterlegt. Laut Verlagsinfo haben sich »die Elektrolyriker durch ihre einmalige Kombination gesellschaftskritischer Literatur mit elektronischer Tanzmusik in den letzten zwei Jahren deutschlandweit ein beachtliches Renommee erarbeitet.« Diese Vorgehensweise als einmalig zu bezeichnen ist natürlich ebenso aus dem großen Arsch geschissen wie unzutreffend, denn Projekte, in denen (auch gesellschaftskritische) Lyrik mit tanzbarer Elektronik unterlegt wurde, gab es in der jüngeren Vergangenheit doch einige – Kersten Flenters internationales Multimediaprojekt Urban Electronic Poetry (Poesie, Musik und Film) oder die aus Hannover stammenden Beatpoeten seien hier nur stellvertretend erwähnt. Aber es muss ja auch gar nicht immer alles einzigartig sein, wenn es denn gut ist.

»Nicht in der Wahrheit, sondern in der Täuschung werden die Untiefen der Existenz berührt«, hatte Hartmut Lange eine Figur in seinem 2007 erschienenen Novellenband Der Therapeut sagen lassen. In den sieben neuen Erzählungen hat der 74-jährige Lange wieder einmal – stilistisch gewohnt souverän und ausgefeilt – diese seelischen Untiefen ausgelotet und ein faszinierendes Verwirrspiel im Grenzbereich menschlichen Handelns und Denkens inszeniert.

Und es geht gut los …

Der erste Track auf der CD, Consumo Ergo Sum, ist ein kräftiger Seitenhieb auf Kaufrausch und -zwang, eingeleitet von einem abgewandelten und mit Kirchenhall versehenen Vater Unser: unsere täglichen bonuspunkte gib uns heute – und erhöhe unseren dispo, wie auch wir vertrauen auf unsere solvenz – abgerundet von einem fingierten Telefonanruf bei TV-Seelsorger Domian.

Weiter geht es mit einer Text-/Soundcollage unter Verwendung von Passagen aus Franz Kafkas Der Prozess: Ein wenig mystisch, sehr zurückhaltende, unbestimmte Musik, die bestens zum Text passt. Der vierte Track, Status geändert, ist eine misanthropische, 5 Minuten lange Beleidigungsorgie auf die Menschheit im Allgemeinen und oberflächliche und unkritische Zeitgenossen im Besonderen, aufgehängt am Zeitphänomen der Social Media. Jeder ist mit jedem vernetzt und wird dabei immer einsamer, der Buschfunk präsentiert die allerneuesten Nachrichten, Community Newsflash, gipfelnd in so wichtigen Mitteilungen wie Hab mir gerade etwas Schorf abgekratzt oder Scheisse ey. mind. 8 Leute grad gelöscht u 2 fremde hinzugefügt weil das iphone total kacke ist! Sry people mag euch trotzdem – Wasser auf meine Mühlen, nicht nur wegen der aufgrund von Datenlecks bei Sony und facebook in diesen Tagen geführten Diskussion, wie freizügig man mit persönlichen Angaben umgehen sollte, möchte oder (beim Zensus 2011) auch muss.

Mit Barfuß bringen die Elektrolyriker den lyrischsten der 6 hier vertonten Texte, eine Mixtur aus Bühnenpersönlichkeit und Unbehaglichkeit, aus Selbstauslieferung und Selbstfindung, aus Existenzangst und Freiheit, aus Vita und Wünschen, Auflösung und Wiederauferstehung. Mit der Unerträglichen Bräsigkeit des Seins, einer durch Alltag und Gesellschaft heraufbeschworenen Ohnmacht (Ja! Sie drückt von oben, von oben auf die niedrige Wohnung und auf das Kaffeewasser in der Kaffeekanne und auf den Kopf, den Bräsigkeitskopf drückt sie) endet der rein akustische Teil dieser EP. Zum Abschließ am Abschluss (um hier nochmals auf die Toten Hosen zurückzukommen) beinhaltet die CD noch ein von Kultursekretariat und Land NRW finanziell gefördertes Video zum Stück Alles was Recht ist.

Was neben den – nicht immer spektakulären, dadurch jedoch realitätsnahen – Texten und der – mal umspielend-zurückhaltenden, mal durchaus tanzbaren – Musik besonders positiv ins Auge fällt, ist das Artwork. Klappcover mit sehr ansprechendem Booklet, in dem sich neben den Texten eine spartanisch eingesetzte und dennoch liebevoll detailversessene Bildsprache findet.

*****

KOMMANDO ELEKTROLYRIK: Status Geändert oder wie man zu einer Lesung das Tanzen lernte (www.the-spine.de, von Melanie Dittmer)

Ganz Klar, Musik und Lyrik = Myrik. Wir sind im nächsten Jahrtausend angekommen. Mit reinen Lesungen erreicht man eben nur die Freunde von Büchern, mit reinen Konzerten die der Musik. Doch mit dieser Kombination erreicht man beides, zumindest wenn die Hörer experimentell veranlagt sind.
Das erste Stück der CD „Status Geändert“ von KOMMANDO ELEKTROLYRIK ist „Consumo Ergo Sum“ – eine schöne Persiflage auf die Konsumgesellschaft. So flachst das Künstlerkonglumerat: „Konsum unser, der du bist auf erden, geheiligt werde der verkaufsoffene Sonntag. Dein Werbeprospekt komme…“ Und so weiter und so fort. Genial. Zudem lässt es sich auch noch ordentlich tanzen. Ich frage mich am Rande, sind das Germanistik-Studenten? Denn Track Nummer zwei bietet ein Stück KAFKAs feil „Kurzer Prozess“ anstatt KAFKAs „Der Prozess“. Das gibt ja noch ganz andere Interpretationen. Mein Tipp: mitnehmen zum Deutschunterricht in der Oberstufe und Lehrer aus dem Konzept bringen. Übrigens wird diese EP wunderbar aufgewertet durch ein lockeres und übersichtliches Layout. Die CD wird in einem Papptray geliefert, das Booklet ist linksseitig im geöffneten Zustand rein gesteckt. Das Ganze wurde farblich puristisch gesetzt und besticht durch tolle Fotos und Grafikspielereien, die sich mit abgedruckten Texten abwechseln. Natürlich bietet das alles ein einheitliches Erscheinungsbild, womit dieses Produkt Elektrolyrik wirklich Spaß macht. Die Jungs greifen auf verbalakrobatische Weise Themen auf, die uns allen auf den Sack gehen: MySpace, Facebook, Skype, ICQ und wie die Kommunikationsbasen noch so heißen, werden in dem Stück „Status Geändert“ fein aufs Korn genommen. Besonders an die Junkies da draußen: Kaufpflicht. Das ist die CD die euren Error beseitigen kann. Augenöffner, Anstoßer und Wachrüttler. KOMMANDO ELEKTROLYRIK reiten auf ihrer Myrik-Welle bis nach ganz vorn an den Strand der Vergessenen, derer, die man dann hört, wenn man das Gehirn mal wieder einschaltet und die Oberflächlichkeit vom Winde verwehen lässt.
Dass auch kritische Stimmen in diesem Lande noch gefördert werden, hat mich persönlich doch sehr gewundert: Kommando Elektrolyrik wird gefördert durch die Initiative Musik, gemeinnützige Projektgesellschaft mbH mit Projektmitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien auf Grund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.
Näheres über die Paderborner Künstler erfahrt ihr auf ihrer Internetseite.

Fazit: Mich haben die Elektrolyriker so neugierig gemacht, dass ich sie unbedingt live sehen muss. Schaut mal bei MySpace nach den Tourdaten. Man kann die Jungs im Schnitt für nur fünf Euro live sehen.

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Elektrolyrik schlägt ernste Töne an 

(isd). Schon seit einigen Jahren erlebt die totgegelaubte Lyrik-Lesung eine Renaissance. In Form von Poetry-Slams hat sie wieder Eingang in die Abendgestaltung der Jugend gefunden.

Dass Lyrik aber nicht nur dann interessant ist und ein breites Publikum bei Lesungen findet, wenn sie lustig ist, hat die Formation „Kommando Elektrolyrik“ am Samstag im Baron bewiesen. Ihr Erfolgskonzept: Absolut tanzbare Elektromusik in Kombination mit anspruchsvollen gesellschaftskritischen Texten. Über die Klänge von Musiker Lukas Schalffke wurden ernste Texte mit subtilem Humor gesprochen.

Das Künstlerkollektiv stellte im Rahmen der Konzert-Lesung ihr neues Album „Status geändert“ (Gonzo-Verlag) vor. Unterstützt vom LiteraturBüro Mainz e. V., dem Baron, dem Asta der Uni Mainz, der STUZ, sensor und der Allgemeinen Zeitung konnte die Neuerscheinung auf der anschließenden Releaseparty mit DJ Fuzzel gebührend gefeiert werden. Auf der EP, der zweiten Studioproduktion der Elektrolyriker, ist eine gelungene Synthese aus Elektrobeats, Synthieklängen und von teilweise provokantem Realismus geprägter Literatur zu hören. Die Themen der Texte werden von der mal Trip-Hop-artigen, mal elektrofunkigen Musik atmosphärisch unterstützt und so zu einem beeindruckenden Gesamtkunstwerk entwickelt. Der Erfolg gibt diesem ungewöhnlichen Format Recht: Auf der derzeitigen „Alles was Recht ist“-Tournee, die das Quintett in verschiedene deutsche und österreichische Städte und bis nach Prag führt, begeisterte die neuartige Kombination aus Literatur und Elektromusik immer wieder hunderte Gäste. Literatur und Gesellschaftskritik werden auch in jüngeren Generationen wieder alltagstauglich. Das ursprünglich aus dem beschaulichen ostwestfälischen Paderborn stammende Künstlerkonglomerat „Elektrolyrik“ gilt in den Metropolen des Nachtlebens bereits als echter Geheimtipp – jetzt wissen wir auch, warum.

(Aus der Rhein Main Presse vom 05.11.2010)

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