Titel-Magazin:
Buy one, get one free, und das nochmal zum halben Preis

Das KOMMANDO EL3KTROLYRIK zwischen Konsumrausch und Social Media. Von STEFAN HEUER

Wer bei Gonzo an den langnasigen Stuntman aus der von 1977 bis 1981 in die deutschen Wohnzimmer flimmernden Muppet Show denkt, die in 120 Folgen nicht nur Schweine im Weltall, sondern in jeder Folge auch einen Gaststar aus dem Showbusiness präsentierte, liegt natürlich nicht ganz daneben. Wer jedoch im Internet das gONZoversum betritt, befindet sich auf der Seite des in Mainz beheimateten gONZo-Verlags, der, in Anlehnung an den ehemaligen »Heidi Loves You«-Shop des vor kurzem verstorbenen Hadayatullah Hübsch dort auch den »gONZo Loves You«-Laden betreibt und neben Büchern auch Lesezeichen und Postkarten, aber auch extravagantere Produkte, wie Rosen aus verrostetem Stacheldraht und Beton unter das Volk bringt. Dafür, dass sich das Programm des Verlags nur schwerlich in Schubladen packen lässt, findet Verlegerin Miriam Spies einfache Worte: Wir orientieren uns nicht an dem, was normale Verlage, Buchhandlungen oder Veranstalter so machen: Wir machen einfach, worauf wir grade Böcke haben. Für diesen Sommer ist ein Gedichtband von Hübsch angekündigt, aber auch ein Roman des ehemaligen Tote-Hosen-Schlagzeugers und Filmemachers Trini Trimpop.

Aktuell neuestes Produkt aus dem gONZoversum ist die EP Status geändert vom KOMMANDO EL3KTROLYRIK, einem 5-köpfigen Künstlerkollektiv, das seine Texte und Themen direkt aus dem »postmodernen Alltag« bezieht und mit elektronischer Musik hinterlegt. Laut Verlagsinfo haben sich »die Elektrolyriker durch ihre einmalige Kombination gesellschaftskritischer Literatur mit elektronischer Tanzmusik in den letzten zwei Jahren deutschlandweit ein beachtliches Renommee erarbeitet.« Diese Vorgehensweise als einmalig zu bezeichnen ist natürlich ebenso aus dem großen Arsch geschissen wie unzutreffend, denn Projekte, in denen (auch gesellschaftskritische) Lyrik mit tanzbarer Elektronik unterlegt wurde, gab es in der jüngeren Vergangenheit doch einige – Kersten Flenters internationales Multimediaprojekt Urban Electronic Poetry (Poesie, Musik und Film) oder die aus Hannover stammenden Beatpoeten seien hier nur stellvertretend erwähnt. Aber es muss ja auch gar nicht immer alles einzigartig sein, wenn es denn gut ist.

»Nicht in der Wahrheit, sondern in der Täuschung werden die Untiefen der Existenz berührt«, hatte Hartmut Lange eine Figur in seinem 2007 erschienenen Novellenband Der Therapeut sagen lassen. In den sieben neuen Erzählungen hat der 74-jährige Lange wieder einmal – stilistisch gewohnt souverän und ausgefeilt – diese seelischen Untiefen ausgelotet und ein faszinierendes Verwirrspiel im Grenzbereich menschlichen Handelns und Denkens inszeniert.

Und es geht gut los …

Der erste Track auf der CD, Consumo Ergo Sum, ist ein kräftiger Seitenhieb auf Kaufrausch und -zwang, eingeleitet von einem abgewandelten und mit Kirchenhall versehenen Vater Unser: unsere täglichen bonuspunkte gib uns heute – und erhöhe unseren dispo, wie auch wir vertrauen auf unsere solvenz – abgerundet von einem fingierten Telefonanruf bei TV-Seelsorger Domian.

Weiter geht es mit einer Text-/Soundcollage unter Verwendung von Passagen aus Franz Kafkas Der Prozess: Ein wenig mystisch, sehr zurückhaltende, unbestimmte Musik, die bestens zum Text passt. Der vierte Track, Status geändert, ist eine misanthropische, 5 Minuten lange Beleidigungsorgie auf die Menschheit im Allgemeinen und oberflächliche und unkritische Zeitgenossen im Besonderen, aufgehängt am Zeitphänomen der Social Media. Jeder ist mit jedem vernetzt und wird dabei immer einsamer, der Buschfunk präsentiert die allerneuesten Nachrichten, Community Newsflash, gipfelnd in so wichtigen Mitteilungen wie Hab mir gerade etwas Schorf abgekratzt oder Scheisse ey. mind. 8 Leute grad gelöscht u 2 fremde hinzugefügt weil das iphone total kacke ist! Sry people mag euch trotzdem – Wasser auf meine Mühlen, nicht nur wegen der aufgrund von Datenlecks bei Sony und facebook in diesen Tagen geführten Diskussion, wie freizügig man mit persönlichen Angaben umgehen sollte, möchte oder (beim Zensus 2011) auch muss.

Mit Barfuß bringen die Elektrolyriker den lyrischsten der 6 hier vertonten Texte, eine Mixtur aus Bühnenpersönlichkeit und Unbehaglichkeit, aus Selbstauslieferung und Selbstfindung, aus Existenzangst und Freiheit, aus Vita und Wünschen, Auflösung und Wiederauferstehung. Mit der Unerträglichen Bräsigkeit des Seins, einer durch Alltag und Gesellschaft heraufbeschworenen Ohnmacht (Ja! Sie drückt von oben, von oben auf die niedrige Wohnung und auf das Kaffeewasser in der Kaffeekanne und auf den Kopf, den Bräsigkeitskopf drückt sie) endet der rein akustische Teil dieser EP. Zum Abschließ am Abschluss (um hier nochmals auf die Toten Hosen zurückzukommen) beinhaltet die CD noch ein von Kultursekretariat und Land NRW finanziell gefördertes Video zum Stück Alles was Recht ist.

Was neben den – nicht immer spektakulären, dadurch jedoch realitätsnahen – Texten und der – mal umspielend-zurückhaltenden, mal durchaus tanzbaren – Musik besonders positiv ins Auge fällt, ist das Artwork. Klappcover mit sehr ansprechendem Booklet, in dem sich neben den Texten eine spartanisch eingesetzte und dennoch liebevoll detailversessene Bildsprache findet.

*****

KOMMANDO ELEKTROLYRIK: Status Geändert oder wie man zu einer Lesung das Tanzen lernte (www.the-spine.de, von Melanie Dittmer)

Ganz Klar, Musik und Lyrik = Myrik. Wir sind im nächsten Jahrtausend angekommen. Mit reinen Lesungen erreicht man eben nur die Freunde von Büchern, mit reinen Konzerten die der Musik. Doch mit dieser Kombination erreicht man beides, zumindest wenn die Hörer experimentell veranlagt sind.
Das erste Stück der CD „Status Geändert“ von KOMMANDO ELEKTROLYRIK ist „Consumo Ergo Sum“ – eine schöne Persiflage auf die Konsumgesellschaft. So flachst das Künstlerkonglumerat: „Konsum unser, der du bist auf erden, geheiligt werde der verkaufsoffene Sonntag. Dein Werbeprospekt komme…“ Und so weiter und so fort. Genial. Zudem lässt es sich auch noch ordentlich tanzen. Ich frage mich am Rande, sind das Germanistik-Studenten? Denn Track Nummer zwei bietet ein Stück KAFKAs feil „Kurzer Prozess“ anstatt KAFKAs „Der Prozess“. Das gibt ja noch ganz andere Interpretationen. Mein Tipp: mitnehmen zum Deutschunterricht in der Oberstufe und Lehrer aus dem Konzept bringen. Übrigens wird diese EP wunderbar aufgewertet durch ein lockeres und übersichtliches Layout. Die CD wird in einem Papptray geliefert, das Booklet ist linksseitig im geöffneten Zustand rein gesteckt. Das Ganze wurde farblich puristisch gesetzt und besticht durch tolle Fotos und Grafikspielereien, die sich mit abgedruckten Texten abwechseln. Natürlich bietet das alles ein einheitliches Erscheinungsbild, womit dieses Produkt Elektrolyrik wirklich Spaß macht. Die Jungs greifen auf verbalakrobatische Weise Themen auf, die uns allen auf den Sack gehen: MySpace, Facebook, Skype, ICQ und wie die Kommunikationsbasen noch so heißen, werden in dem Stück „Status Geändert“ fein aufs Korn genommen. Besonders an die Junkies da draußen: Kaufpflicht. Das ist die CD die euren Error beseitigen kann. Augenöffner, Anstoßer und Wachrüttler. KOMMANDO ELEKTROLYRIK reiten auf ihrer Myrik-Welle bis nach ganz vorn an den Strand der Vergessenen, derer, die man dann hört, wenn man das Gehirn mal wieder einschaltet und die Oberflächlichkeit vom Winde verwehen lässt.
Dass auch kritische Stimmen in diesem Lande noch gefördert werden, hat mich persönlich doch sehr gewundert: Kommando Elektrolyrik wird gefördert durch die Initiative Musik, gemeinnützige Projektgesellschaft mbH mit Projektmitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien auf Grund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.
Näheres über die Paderborner Künstler erfahrt ihr auf ihrer Internetseite.

Fazit: Mich haben die Elektrolyriker so neugierig gemacht, dass ich sie unbedingt live sehen muss. Schaut mal bei MySpace nach den Tourdaten. Man kann die Jungs im Schnitt für nur fünf Euro live sehen.

*****

Elektrolyrik schlägt ernste Töne an 

(isd). Schon seit einigen Jahren erlebt die totgegelaubte Lyrik-Lesung eine Renaissance. In Form von Poetry-Slams hat sie wieder Eingang in die Abendgestaltung der Jugend gefunden.

Dass Lyrik aber nicht nur dann interessant ist und ein breites Publikum bei Lesungen findet, wenn sie lustig ist, hat die Formation „Kommando Elektrolyrik“ am Samstag im Baron bewiesen. Ihr Erfolgskonzept: Absolut tanzbare Elektromusik in Kombination mit anspruchsvollen gesellschaftskritischen Texten. Über die Klänge von Musiker Lukas Schalffke wurden ernste Texte mit subtilem Humor gesprochen.

Das Künstlerkollektiv stellte im Rahmen der Konzert-Lesung ihr neues Album „Status geändert“ (Gonzo-Verlag) vor. Unterstützt vom LiteraturBüro Mainz e. V., dem Baron, dem Asta der Uni Mainz, der STUZ, sensor und der Allgemeinen Zeitung konnte die Neuerscheinung auf der anschließenden Releaseparty mit DJ Fuzzel gebührend gefeiert werden. Auf der EP, der zweiten Studioproduktion der Elektrolyriker, ist eine gelungene Synthese aus Elektrobeats, Synthieklängen und von teilweise provokantem Realismus geprägter Literatur zu hören. Die Themen der Texte werden von der mal Trip-Hop-artigen, mal elektrofunkigen Musik atmosphärisch unterstützt und so zu einem beeindruckenden Gesamtkunstwerk entwickelt. Der Erfolg gibt diesem ungewöhnlichen Format Recht: Auf der derzeitigen „Alles was Recht ist“-Tournee, die das Quintett in verschiedene deutsche und österreichische Städte und bis nach Prag führt, begeisterte die neuartige Kombination aus Literatur und Elektromusik immer wieder hunderte Gäste. Literatur und Gesellschaftskritik werden auch in jüngeren Generationen wieder alltagstauglich. Das ursprünglich aus dem beschaulichen ostwestfälischen Paderborn stammende Künstlerkonglomerat „Elektrolyrik“ gilt in den Metropolen des Nachtlebens bereits als echter Geheimtipp – jetzt wissen wir auch, warum.

(Aus der Rhein Main Presse vom 05.11.2010)

Advertisements